My BERLIN : Wir sind alle Merkels

Die Deutschen wollen Klein-Klein: Sie tun so, als ob sie Barack Obama lieben, wollen ihn aber selbst nicht

Roger Boyes

Als Auslandskorrespondent ist man in einer ähnlichen Rolle wie ein Flugzeugpilot: viel Langeweile, unterbrochen durch Besuche der Flugbegleiterin, die Kaffee bringt, gefolgt von kurzen Adrenalinschüben bei Krisen oder politischen Turbulenzen. Bleibt man im Bild, dann sind die Wahlabende Notlandungen: Zwischen 18 und 20.30 Uhr muss man Massen neuer Informationen absorbieren, interpretieren, für britische Leser aufbereiten. Während die Uhr tickt, ist man gezwungen, eine grobe Einschätzung über die Zukunft der Regierung und des Landes abzugeben.

Nur nicht in Deutschland. Bei Landtagswahlen unterbricht die ARD um 18.50 Uhr – also 50 Minuten nach der ersten Prognose – die kluge Datenauswertung von Jörg Schönenborn und lässt die Eingangsmelodie der „Lindenstraße“ erklingen. Statt Koalitionsvariationen von Schwarz, Rot, Gelb und Grün, statt Aufplustern und Fingerzeigen von gut durchbluteten Politikern: der Penner Harry, Andy der Taxifahrer, der Dönerbudenbesitzer, dessen bester Freund ein Neonazi ist, und Tanja, die lesbische Friseuse.

Es gibt Menschen, die Ähnlichkeiten zwischen den Geschichten in der CSU und denen in der „Lindenstraße“ zu erkennen meinen. Aber auf uns Ausländer wirkt das wie ein eher abrupter Übergang. Offenbar haben die ARD-Oberen entschieden, dass die Zuschauer zu viel Aufregung nicht gut vertragen (warum sonst würde man jeden Samstag Volksmusik präsentieren?). Die Deutschen interessieren sich für ihre nächste politische Führung, keine Frage, aber dieses Interesse kennt Grenzen.

Es ist gerade Mode, Angela Merkel für das Verdunsten des Interesses an Politik verantwortlich zu machen. Sie betreibt schließlich Politik wie jeden sonstigen Entscheidungsprozess, etwa: Sollen wir einen neuen Kühlschrank kaufen, Liebling? Dann werden die Fakten gesammelt, Stiftung Warentest befragt, die Lage beurteilt. Der alte lärmt wie ein Panzer, verbraucht zu viel Strom und lässt sich nur schwer abtauen. Aber er funktioniert. Ein neuer kostet 500 Euro, wäre leiser, hätte mehr Platz für Bier und würde nicht so stinken. Man spricht in den Werbepausen bei Günther Jauch darüber; man schläft darüber. Und dann entscheidet man in aller Ruhe. So, hat uns Merkel beigebracht, soll man sich Politik vorstellen. Sie hat die Politik auf die Größe des Wohnzimmers verkleinert. Kein Wunder, dass wir uns langweilen.

Das ist aber nicht ganz fair. Die „Lindenstraße“ am Wahlabend gab es schon, als Merkel noch am Zentralinstitut für Physikalische Chemie gearbeitet hat. Der moderne Deutsche miniaturisiert politische Prozesse; das ist seine Form, auf die Politisierung des Alltags unter den Nazis und Kommunisten zu reagieren. Große Ideen werden klein gemacht, weniger bedrohlich. Das zeigt sich auch an Müntes und Schröders Agenda 2010. Ein ehrgeiziger Versuch, den deutschen Sozialstaat zu reformieren? So sah es für uns Ausländer aus. Aber für den gewöhnlichen Deutschen drehte sich alles vor allem um die Frage, ob die Geschäfte am Samstag um 14 oder um 18 Uhr schließen. (Berlin steckt in der Amish-Ära: Es ist kaum zu glauben, dass die Hauptstadt die Geschäfte am Sonntag schließen will.)

Was war Rot-Grün für den normalen deutschen Wähler? Aus Ausländersicht waren das spannende sieben Jahre, in denen sich Deutschland aus dem Nachkriegskorsett befreit hat. Es fühlte sich wohler, souveräner. Aber für die deutsche Basis bestand Rot-Grün nur aus Dosenpfand, die inakzeptable Seite der ökobürokratischen Herrschaft. Im vergangenen Jahr hat die große Koalition Milliarden von Euro bröckelnden Banken und Unternehmen in den Schlund geworfen. Sie hat, meistens ohne jemanden zu fragen, die Wirtschaft gestützt – und dafür irrsinnige Schulden gemacht. Es waren tabubrechende Monate. Aber was bleibt Otto Normalverbraucher davon in Erinnerung? Die Abwrackprämie. Die Erklärung: Deutschland ist eine Nation von Schnäppchenjägern. Die stärksten kollektiven Emotionen sind Geiz und Neid, und die sind der Motor der Politik. Alles, was diese Charaktereigenschaften anspricht oder verstärkt, hat die Aufmerksamkeit der Wähler sicher; alles, was in Richtung Vision oder Utopie geht, gilt als äußerst verdächtig.

Mit anderen Worten: Nicht die Politiker enttäuschen uns mit ihrer Mittelmäßigkeit und Unfähigkeit, zu inspirieren. Die politische Klasse ist langweilig, weil wir es so haben wollen. Das Problem ist die geringe Erwartung des Wahlvolks. Die Deutschen tun so, als ob sie Obama lieben, wollen ihn aber selbst nicht. Sie wollen Klein-Klein: Sie wollen „Lindenstraße“ am Wahlabend, und, in Gottes Namen, das kriegen sie dann eben auch.

Aus dem Englischen übersetzt von Moritz Schuller.

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