My BERLIN : Wo liegt Südkreuz?

Das Nahverkehrsnetz war ein Aushängeschild für Berlin. Durch den Zusammenbruch der S-Bahn hat die Stadt inzwischen etwas Apokalyptisches. Und fast scheint es so, als wollten die Berliner die Touristen am liebsten wieder nach Hause schicken.

Roger Boyes[The Times]

Der Flug aus Japan war lang und anstrengend. Aber Akiko grämte sich nicht. Schließlich war sie gerade in Europas coolster Stadt gelandet.

Wie heißt Arbeit noch mal auf Japanisch? Arubaito. Und das japanische Wort für Potenz? Potentsu. Die Japaner empfinden eine Art Verwandtschaft zu den Deutschen – preußische Tugenden haben etwas Asiatisches. Für Japaner ist Berlin deshalb ein Traumziel. Das japanische Wort für Führer? Fyura.

Akikos Reiseführer war leider nicht mehr auf dem neuesten Stand. Dort hieß es, dass der Flughafen Schönefeld an das S-BahnNetz angebunden ist. Und in ihm fehlte der Hinweis, dass Akiko auf eine einsprachige Zivilisation treffen wird, sobald sie das Flughafengebäude verlässt. Dass sie durch den Sommerregen zu einem Bahnhof laufen muss, wo zu jeder halben Stunde ein Regionalexpress abfährt. Oder dass es auf dem Flughafen einen Bus gibt – dessen Fahrer selbstverständlich kein Wort Englisch spricht –, der zum Südkreuz fährt. Wo liegt Südkreuz? Diese Frage habe ich mir gerade auch gestellt.

Was wird Akiko erzählen, wenn sie wieder zurück nach Hause fährt? Ich hoffe, es wird nicht die Wahrheit sein: dass aus Berlin ein touristisches Notstandsgebiet geworden ist. Trotz oder wegen der Schulferien wimmelt es hier von Menschen. Wer zu Madame Tussaud’s will, muss zwei Stunden warten, vor dem Sea Life ist die Schlange 90 Minuten lang.

Die Touristen sind verstört. Für sie ist Berlin eine Stadt, die aus zwei Zentren besteht. Wer die Stadt erleben will, muss sich zwischen Ost und West bewegen können. Für den Berliner hingegen ist es kein großes Problem, wenn Ost und West getrennt sind – er fährt sowieso kaum in die andere Hälfte. Die Besucher jedoch müssen vom Hackeschen Markt in ihr Hostel in Charlottenburg kommen.

Am Bahnhof Zoo traf ich in dieser Woche ein südkoreanisches Tierfreunde-Ehepaar, das verzweifelt versuchte, den Weg zum Tierpark Friedrichsfelde zu finden. Lieber Leser, versuchen Sie einmal, dies jemandem zu erklären, der kein Deutsch versteht, in Zeiten, in denen der Notfahrplan 2 gilt. Der Sprecher des Berliner Tourismusverbands versichert zwar, es werde bald englische Flugblätter und Durchsagen auf Englisch geben. Meine Erfahrungen („Zenk you für trevellink wiz deutsche Bahn“) legen aber den Schluss nahe, dass dies nicht zu allgemeiner Erleuchtung führen wird.

Viele junge Leute aus England kommen gerade nach Berlin, um noch einmal etwas von der Stimmung der Fußball-WM 2006 zu spüren. Erinnern Sie sich? Freundliche Gesichter, eine perfekte, aber zurückhaltende Organisation, eine hilfsbereite Verwaltung: Für das Bild der Deutschen im Ausland war das die Wende. Englische Teenager merkten auf einmal, dass die Deutschen genauso waren wie sie, nur netter.

Seit dieser Woche hat Berlin etwas Apokalyptisches. Wenn man in einer fremden Stadt ankommt und von Anfang an nichts klappt, dann bleibt das oft auch für den Rest der Reise so. Und es geht ja nicht nur um die S-Bahn. Was ist zum Beispiel mit den protestierenden Taxifahrern am Flughafen Tegel? Berlin ist schlecht gelaunt. 2006 waren die Berliner noch stolz darauf, massenhaft Touristen beherbergen zu können. Jetzt scheint es so, als würden sie sie am liebsten loswerden.

Man könnte die Situation auf unterschiedliche Art entspannen. Zunächst einmal müsste die Stadt den Touristen ein bisschen mehr Wärme zeigen. Dazu würde auch das Eingeständnis gehören, dass es hier gerade ein gewisses Problem gibt (Touristen haben meistens Verständnis dafür – auch die Londoner U-Bahn ist alles andere als perfekt). Und das würde auch bedeuten, dass man sich mit einem Lächeln entschuldigt. Ich erinnere mich an einen EU-Gipfel in Berlin, bei dem der Strom ausfiel. Den Journalisten wurden als Geste der Entschuldigung kleine rote Herzen und Berliner Plüschbären überreicht.

Was wird passieren, wenn Berlin Gastgeber der LeitathletikWM ist? Vielleicht ist es gut, dass Berlin die Olympischen Spiele nicht bekommen hat. Das Nahverkehrsnetz, früher einmal ein Aushängeschild der Stadt, befindet sich in einem hoffnungslosen Zustand. Das zeigen die Ersatzzüge, die zwischen Südkreuz und Gesundbrunnen fahren. Es sind Leihgaben aus Stuttgart – mit Mülleimern, ohne Graffiti und mit bequemen Sitzen.

Natürlich hat Berlin im Unterschied zu Stuttgart einen riesigen Schuldenberg. Es ist also nicht die Zeit für große Investitionen. Aber es wäre Zeit für intelligente Führung, für Leadership.

Dem Senat ist es nicht gelungen, eine Antwort auf die S-BahnKrise zu finden – geschweige denn, eine zu suchen. Es wurde nicht versucht, besser zu informieren, und auch der Imageschaden wurde nicht erkannt, der Berlin entstanden ist. Stattdessen ist man im Roten Rathaus der Meinung, dass einige S-Bahn-Manager zwar Fehler gemacht haben, aber alles nicht so schlimm ist, weil ja Ferien sind. Zu sehen sind stattdessen bemerkenswerte Fotos von Klaus Wowereit, wie er über den Kudamm spaziert. Oder es ist eine Ingeborg Junge-Reyer zu besichtigen, die sich entspannt auf den Weg in den Ostseeurlaub macht („Ich hab eigentlich drei Wochen Urlaub, bin jetzt nach einer Woche wieder da“; danke, Ingeborg!). Leadership sieht anders aus.

Aus dem Englischen übersetzt von Fabian Leber.

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