Nabucco und Desertec : Lange Leitungen

Zwei gigantische Energieprojekte wurden am Montag auf den Weg gebracht, Nabucco und Desertec. Doch nur eines davon weist in die Zukunft.

Kevin P. Hoffmann

Zwei Feierstunden, die eine in Ankara, die andere in München. Als vergnügungssuchender Gast hätte man an keiner von beiden teilnehmen wollen: Auf beiden Veranstaltungen saßen viele ernst dreinblickende Menschen in schwarzen Anzügen auf einem Podium. Sie versprachen sich jeweils hoch und heilig, künftig ganz eng zusammenarbeiten zu wollen. Beide Gruppen sagten, es gehe um die Zukunft der europäischen Energieversorgung. Das hat man oft gehört. Regierungs- oder Absichtserklärung, Memorandum of Understanding – egal wie man es heute nennt, oft sind diese unter artigem Beifall unterzeichneten Papiere kaum mehr wert als die Tinte darauf. Das könnte auch bei diesen beiden Projekten so sein.

Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Party von Ankara irgendwann mit Kopfschmerzen endet, größer als im Falle von München. In Ankara unterzeichneten die Vertreter von vier EU-Ländern und der Türkei ein Regierungsabkommen zum Bau der Nabucco-Pipeline, die Gas aus Zentralasien, vorbei an Russland, nach Mitteleuropa bringen soll. Das Problem: Nabucco ist eine politische Veranstaltung. Während Europas Energiepolitiker (und seit Neuestem auch Lobbyist Joschka Fischer) versuchten, das wichtige Transitland Türkei von Nabucco zu überzeugen, hat der konkurrierende Staatsmonopolist Gasprom langfristige Verträge mit den wichtigsten Ländern geschlossen, die das Nabucco-Gas liefern sollen. Diese Pipeline kann sich aber nur rechnen, wenn sie ausgelastet ist. Und dazu müsste sogar Iran sein Gas dort einspeisen. Jetzt macht sich Europa dort abhängig? Nabucco droht zum Milliardengrab zu werden. Aber zu viele politische Akteure haben sich schon zu weit aus dem Fenster gelehnt, um das Projekt jetzt noch zu stoppen. Eher wäre in Ankara eine würdige Begräbnisfeier angebracht gewesen.

In München, wo sich Konzerne gestern darauf verständigten, zu prüfen, ob man in großem Stil Wüstenstrom für Europa erzeugen kann, war die Ausgangslage anders. Es war sozusagen der erste Kindergeburtstag. Da darf man noch träumen, sich lebenslange Freundschaft versprechen. Und wenn man in drei Jahren feststellt, dass die ganze Idee doch nicht umsetzbar ist, wäre das auch in Ordnung. Den Managern von München sei dennoch geraten, auch nach Ankara zu schauen, um zu sehen, wie man ein großes Projekt vermurksen kann.

Seiten 1 und 15

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