Meinung : Nach dem Angriff: Tote und Tore

Lorenz Maroldt

Arnold Schwarzenegger wird keine Rache nehmen. Vorerst nicht, jedenfalls. Warner Brothers hat die Premiere seines neuen Films "Collateral Damage" verschoben, auf unbestimmte Zeit. Die Geschichte ist einfach, aber "provokant und realistisch", wie der Produzent sagt: Kolumbianische Terroristen ermorden mit einer Bombe die Familie des Filmheldens. Der macht sich auf die Jagd nach den Attentätern. Erfolgreich, selbstverständlich.

Wahrscheinlich hätte der Film in diesen Wochen ohnhin nicht viele Zuschauer angezogen. Ganz sicher aber wäre es als eine außerordentliche Geschmacklosigkeit angesehen worden, Schwarzenegger ausgerechnet jetzt in die Kinos zu bringen, womöglich mit einer rauschenden Premierenfeier. Es ist dies in erster Linie eine Frage der Pietät, der Achtung vor den Opfern. Auf unbestimmte Zeit verschoben heißt aber auch, dass es irgendwann soweit ist: Schwarzenegger wird sich schon noch rächen - aber wann? Welcher Zeitraum ist angemessen, was sind die Maßstäbe?

Die Zahl der Opfer des Anschlags auf Amerika ist hoch, grauenhaft hoch. Viele tausend Menschen werden noch vermisst; man wird sie finden: als Leichen, verbrannt, erstickt, erschlagen, zerstückelt. Mit jeder Stunde rückt das menschliche Leid mehr in den Vordergrund. In den ersten Stunden war die Erschütterung über den Anschlag vor allem deshalb so groß, weil der Plan, der dahinter steckte, so diabolisch war. Weil die Attentäter zwei Formen des Terrorismus - den Bombenanschlag und die Flugzeugentführung - miteinander kombinierten. Weil sie zwei Säulen der westlichen Welt auf einmal zerstörten. Weil sie die Verwundbarkeit des scheinbar Unverwundbaren offen legten. Und weil die Welt zum ersten Mal mit dem Fernsehen dabei war, während ein Attentat verübt wird. Die Bilder, wie die entführten Flugzeuge in die beiden Türme rasen und explodieren, wie verzweifelte Menschen sich in die Tiefe stürzen, wird niemand so schnell vergessen können. So provokant, so realistisch, so schonungslos kann Kino niemals sein.

Es ist eine Frage der Pietät, in einer solchen Zeit nicht lautstark und ausgelassen zu feiern - egal, ob es um ein Tor im Pokalspiel geht oder um einen Bieranstich beim Oktoberfest. Deshalb war es richtig, Sportveranstaltungen ebenso abzusagen wie Veranstaltungen kollektiven Frohsinns. Aber ist es ein Verstoß gegen die gebotene Pietät, eine Messe wie die Internationale Automobil-Ausstellung trotz des Schocks nicht abzubrechen? Ein hoher Wirtschaftsfunktionär hatte sich zunächst entsprechend geäußert.

Und geirrt. Denn es ist ein Unterschied, ob man sich in diesen Stunden schamlos des Lebens freut - oder ob man sich bemüht, irgendwie weiterzuleben. Es kann nicht einfach alles öffentliche Leben eingestellt werden - aus ökonomischen Gründen nicht, vor allem aber nicht aus menschlichen. Niemandem wäre damit genutzt. Fast niemandem - nur den Attentätern. Es erhöhte ihren Triumph über ihre eigentlichen Ziele hinaus.

Die Welt trägt Trauer, aber sie gibt sich nicht auf. Nicht wegen dieses Attentats, das schlimmer war als jedes zuvor - aber nicht das schlimmste, das man sich vorstellen kann. Auch in Deutschland drängen sich die Menschen in Trauergottesdienste, tragen sich in Kondolenzbücher ein, schweigen. Die Menschen zeigen Anteilnahme und suchen selber Trost. Es beten sogar die, die gar nicht glauben. Die Gewissheit, nicht allein zu sein, hilft ihnen - auch dabei, nicht durchzudrehen vor Angst, Verzweiflung, Rachegelüsten.

Wann ist die unbestimmte Zeit vorbei? Wann wird man wieder feiern können, ohne sich zu schämen? Wann wieder frei jubeln? Es wird schneller gehen, als sich heute viele vorstellen können. Nicht, weil die Menschen herzlos sind. Sondern weil in der Normalität die Kraft steckt, die uns alle am Leben hält - mehr Kraft jedenfalls, als uns vollendete Rache geben könnte. Niemand wird vergessen können, was am 11. September in Amerika geschah. Aber niemand wird immer nur daran denken können. Und niemand wird sich dafür schämen müssen.

Am Sonnabend rollt wieder der Fußball. Zigtausende werden Tore bejubeln - aber auch in Gedenkminuten schweigen. Auch das ist ein kleiner Sieg über den Terror.

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