Nach dem Fall Maria : Über Roma und Vorurteile

Die Geschichte des blonden Roma-Kindes offenbart Vorurteile und Dilemmata. Denn die meisten Roma verlassen ihre Heimat nicht mit dem Vorsatz, dem deutschen Steuerzahler zu schaden. Sie verlassen ihre Heimat, weil sie dort nichts und niemand hält.

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Saska Ruseva mit ihrem Sohn Atanas, dessen Haar hell leuchtet. Foto: Reuters
Saska Ruseva mit ihrem Sohn Atanas, dessen Haar hell leuchtet. Foto: ReutersFoto: REUTERS

So verworren die Geschichte des blonden Roma-Mädchens Maria bisher war – etwas Gutes hat sie bewirkt. Sie macht den Umgang mit Roma in Europa mehr als jeder Streit um Autofensterputzer an Berliner Straßen zum Politikum. Und dieses Politikum hat mindestens vier Dimensionen.

Da ist der Ausgangspunkt der Sache: Die Frage, ob meist schwarzhaarige und dunkelhäutige Menschen knallblonde Kinder haben können, hat ein bisschen mit Genetik zu tun, vor allem aber mit Vorurteilen. Warum das Roma-Paar das kleine Mädchen aufgenommen und versorgt hat, wissen wohl nur die beiden. Dass das Kind der griechischen Polizei im Lager aufgefallen war, zeigt ganz banal die Kraft uralter Vorurteile.

Die sind bei Behördenvertretern so ausgeprägt wie bei vermutlich nicht ganz kleinen Teilen der Bevölkerung Europas. Zu der gehören die Roma aber. Weil die Europäische Union neben manchem Unfug auch sinnvolle Programme beschließt, verfolgt sie seit zwei Jahren eine Strategie zur Integration der Roma. Selbstverständlich gibt sie auch viel Geld dafür aus.

Da verlangt die EU auch, dass Roma „nicht diskriminiert“, sondern so behandelt werden „wie alle anderen EU-Bürger“. Marias Fall zeigt, dass Roma durchaus vorurteilsvoll behandelt werden – anders wären die griechischen Polizisten nicht darauf gekommen, dass Maria womöglich nicht in die Familie gehört, bei der sie gefunden worden ist. Dieselben Vorurteile bewirken aber auch, dass Roma zu Opfern rassistischer Morde werden, dass sie dort, wo sie seit Jahrhunderten zu Hause sind, schikaniert und ausgegrenzt werden und dass der vorletzte Präsident des Mutterlandes der Aufklärung und der Egalité vor drei Jahren den französischen Roma die Massenabschiebung ankündigte. So viel zum Geltungsbereich der EU-Grundrechtecharta.

Also reisen Roma zu Tausenden in Länder, wo sie geringeren Schikanen ausgesetzt sind und hoffen können, an etwas Geld zu kommen und sei es durch steuerfreie Autoscheibenputzerei. Vielleicht kann man diesen Leuten eins unterstellen: Sie verlassen ihre Heimat nicht mit dem Vorsatz, dem deutschen Steuerzahler zu schaden. Sie verlassen ihre Heimat, weil sie dort nichts und niemand hält. Kein so schönes Lebensgefühl am Anfang einer Reise ins Unbekannte.

Seit ein paar Jahren gehört Berlin (wie wohl jede größere Stadt in den reicheren Staaten Europas) zum Ziel von Armutsflüchtlingen. Berliner Politiker machen wie ihre Kollegen in der EU zwar viel Unfug, beschließen aber auch sinnvolle Programme. Seit ein paar Jahren führen sie auf Bezirksebene vor, wie Integration gelingen könnte – ohne Multikultitümelei.

Erst hat ein kluger und liberaler Innensenator namens Ehrhart Körting die aufgeregten Berliner mit dem Gedanken vertraut gemacht, dass Freizügigkeit auch für Roma gilt. Dann hat sich zum Beispiel die Neuköllner Bildungsstadträtin Franziska Giffey darauf besonnen, dass man Menschen am besten hilft, wenn man ihre Kinder in die Schulen holt. Die Geschichte des blonden Roma-Kindes aus Griechenland transportiert also eine Menge Politik.

Vielleicht sollte Maria später mal EU–Kommissarin werden.

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