Nach dem Freispruch : Christian Wulff und das Wesen der Würde

In Christian Wulffs Prozess ging es um mehr als eine Frage der Ehre. Es ging auch um Würde. Nun kann der Ex-Präsident sagen, dass er sie nie verloren habe, weil sie unabhängig ist von Umständen. Aber das ist eine Sicht, die nicht alle teilen.

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Ein lächelnder Ex-Bundespräsident: Christian Wulff wird von dem Verdacht der Vorteilsnahme freigesprochen.
Ein lächelnder Ex-Bundespräsident: Christian Wulff wird von dem Verdacht der Vorteilsnahme freigesprochen.Foto: dpa

Und ganz zum Schluss, als das Verfahren – welch ein Wort in diesem Zusammenhang, schon gar, weil das Ganze so verfahren zu sein schien – , also ganz zum Schluss war dann wieder von Würde die Rede. Oder war es das erste Mal wirklich und wahrhaftig? Von der Würde, die einer zurückerlange, von der Menschenwürde, kurzum: von dem, was Gemeinwesen und die in ihnen ja nicht bloß existierenden, sondern lebenden Wesen im Innersten zusammenhält. Es ist von Aufstieg und Fall des Christian Wulff die Rede.

Nicht davon, ob er nun je der Richtige für das Amt des obersten Repräsentanten unseres Gemeinwesens gewesen sei. Die Frage hat sich ganz am Anfang gestellt, als er kandidierte, sie wurde per knapper Wahl und nicht per überwältigender Exzellenz mit ja beantwortet, hat sich hernach, nach dem Rücktritt, auch nie mehr ernsthaft gestellt. Er war in vielen Ämtern richtig, in diesem einen Amt verlief alles falsch, und dann verrannte er sich. Aber das ist Teil der Geschichte. In jeglicher Hinsicht.

Vielmehr steht am Ende dieser Woche die Frage, wie sehr die Würde des Christian Wulff, sagen wir, missachtet wurde und damit das Amt wie das Ganze, das es repräsentiert, in Mitleidenschaft gezogen hat. Er hat das wiedererlangt, was ihm wiederherzustellen wichtig war: die Ehre. Aber seit Bertolt Brecht wissen wir, dass Ehre etwas Äußeres sei, Würde etwas Inneres. Und vieles an dem Prozess – wieder so ein Wort, das nahezu fatal zutreffend eine Entwicklung beschreibt – hat neben der Ehre ans Innerste gerührt; an die Menschenwürde, jenen Begriff, mit dem Brecht die „Ehre“ ersetzen wollte.

Man kann sagen, dass der, der Würde auszustrahlen hat, zur Majestät begabt sein muss. Dass er sie in sich tragen muss. Auch dafür gibt es ja Beispiele, zumal im Präsidentenamt. Das war gut, für die erste wie gerade auch für die zweite deutsche demokratische Republik. Doch ist damit nicht profane Erscheinung gemeint, sondern Eignung, Ansehen, Verdienst, weniger der Rang, wie es im Rückgriff auf Etymologie lexikalisch zu lesen ist. Rang ist wie „Wert“ ein zu missverständlicher Begriff, zu wettbewerblich für den Wettbewerb dessen, was man früher, ohne missverstanden zu werden, das Edle nannte. Eher trifft doch, dass etwas, oder eben einer, erhaben sein möge, dass er oder selbstverständlich auch sie aus sich selbst heraus über dem stehen möge, was im anderen Fall doch als niederdrückend empfunden würde.

Wulffs Verhalten brachte ihn in die Nähe der Verworfenheit

Nun kann Wulff, ein Christenmensch, ein gläubiger Mann, gut sagen, dass er von daher seine Würde nicht verlieren könne. Dass er sie nie verloren habe, weil sie ihm innewohne, unabhängig von Umständen. Aber das ist eine Sicht, die in unserer Gesellschaft beileibe nicht alle teilen. So viel Glauben ist nicht mehr. Eher gilt doch das, was Eichendorff in seinem (mitunter leichtfertig interpretierten) „Taugenichts“ anführte und was Generationen von ihren Erziehungsberechtigten zu hören bekamen: Quod licet Jovi, non licet bovi, was dem einen erlaubt ist, darf der andere nicht unbedingt. Und Wulff hat sich gewiss nicht wie Jupiter verhalten. Er war einerseits so alltäglich, so bieder, dass andererseits sein als unwürdig beklagtes Verhalten gerade dann noch einmal umso spektakulärer wirkte, weil es ihn in die Nähe von Verworfenheit brachte.

„Ein gescheuter Kopf muss sich zu helfen wissen“, heißt es bei Eichendorff aber auch. Und damit sind wir bei der anderen goldenen Regel der Römer angelangt, die wiederum in der Causa des 598-Tage-Präsidenten das Bedeutsamste geworden sein könnte: Den Willigen führt das Schicksal, den Unwilligen zieht es dahin. Er hat sich also dem Schicksal gestellt und jede Anleitung zum weiteren Unglücklichsein mit diesem Verhalten beantwortet, das Paul Watzlawick überschrieben hat mit „Vor allem eins: Dir selbst sei treu“.

Weit über die inkriminierten 720 Euro für eine Oktoberfestsause mit trübem Saft hinaus

Dass er erkennbar herauszustellen versuchte, wer er selbst noch sei innerhalb dieses Verfahrens, dieses Prozesses, hat darum den Fall des Christian Wulff wohl aufgehalten. Die Ehre, das Äußere, Würde als das Innere, die Menschenwürde als rechtsethische Norm mit der Achtung vor dem anderen und seinem Recht, sein Leben zu leben – alles das ist im weiteren Sinn verhandelt worden, öffentlich und weit über die inkriminierten 720 Euro für eine Oktoberfestsause mit trübem Saft hinaus. Wie gut, dass der Beklagte auch in dieser Hinsicht seine Unschuld nicht verloren hat. Und dazu das Ganze, das Gemeinwesen und sein oberstes Amt, gewonnen. Im Zweifel wieder an Würde.

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