Meinung : Nach den Landtagswahlen: Grüne Stammzellen

Bernd Ulrich

Wenn man gesprochene Worte sehen könnte, wenn man beobachten könnte, wie sie sich biegen, dehnen und waghalsige Schleifen drehen, dann dürften Fritz Kuhn und Claudia Roth ab morgen beim Cirque du Soleil auftreten.

Seit 36 Stunden versuchen die beiden Parteisprecher, ihre dramatischen Wahlniederlagen im Südwesten zu erklären. Dabei müssen sie immerzu behaupten, dass es fast gar nicht an ihrem Hasardeur vom Dienst liegt, an Jürgen Trittin. Andernfalls müssten sie ihn ja entlassen. Das geht aber nicht, weil sonst die innerparteiliche Restlinke einen kleinen Aufstand machen würde. Und weil Kuhn die Parteizentrale jetzt nicht verlassen kann, aber im Jahre 2002 vielleicht Umweltminister werden will. So klein ist die Welt.

Wenn aber der Wechselwählerschreck Trittin fast unschuldig war, warum haben die Grünen dann zum 14. und 15. Mal in Folge verloren? Das ist kaum zu erklären. Denn sie haben in den letzten Monaten wirklich alles richtig gemacht: Sie haben sich mit Fritz Kuhn an der Spitze professionalisiert. Sie haben mit Renate Künast einen Glücksgriff getan. Sie haben sich bei ihrem Parteitag nicht gestritten. Sie haben in Baden-Württemberg einen vernünftigen, gut angezogenen Spitzenkandiaten aufgestellt.

Dann kam zur Disziplin auch noch das Glück. Die Joschka-Fischer-Debatte hat der Partei Herz und Charisma zurückgebracht. Die BSE-Krise hat gezeigt, was die Grünen lange behaupteten, ohne selbst noch daran zu glauben: Ökologie ist noch ein Thema! Besser kann eine Ausgangsposition für die Grünen kaum noch sein. Und trotzdem krachend verloren, wie kann das sein?

Eine mögliche Wiedergeburt der Grünen aus dem Geist der Ökologie, wie Kuhn sie anstrebt, hapert an drei Stellen. Zum einen eben doch an Trittin. Der macht zwar keine schlechte Umweltpolitik - aber eine kalte. Außerdem verdeckt er mit seinen Eskapaden seine eigenen Leistungen und, wenn es ihm beliebt, auch die von Fischer und Künast. Zum anderen ist die Ökologie nicht von selbst ein Zukunftsthema. Wenn die Grünen nicht genau aufpassen, dann wirkt sie sofort wieder alt und jungwählerunfreundlich. Die Aktionen gegen den Castor sind ein Vergangenheitsthema, eine Reminiszenz. Selbst die Ökosteuer atmet einen Hauch von technokratischer Volksbeglückung, besonders wenn sie sich - ja, immer wieder Trittin - mit alter linker Volksverachtung mischt.

Vor allem aber haben es die Grünen bisher noch nicht geschafft, das neue, das modernste und herausfordernste Biothema zu besetzen: die Gentechnologie. Hier kommen einige Faktoren zusammen. Die Realpolitiker haben Angst vor dem hemdsärmelig auftretenden Koalitionspartner. Die Linken (und Feministinnen) haben ein Problem mit dem Widerspruch zwischen ihrer alten Mein-Bauch-gehört-mir-Ideologie und ihren neuen Skrupeln gegenüber zwanzigzelligen Embryonen. Allen zusammen fällt es schwer, das in der Tat sehr anspruchsvolle Thema intellektuell zu meistern. Um von der Gentechnologie begeistert zu sein, muss man viel wissen. Um sie abzulehnen, eigentlich auch. Aber um zu wissen, was abzulehnen ist und was nicht, muss man am Allermeisten verstehen.

Noch ist die Partei dafür nicht reif. Darin liegt überhaupt ihr größtes Handicap - in diesem noch nicht. Die Professionalisierung ist noch nicht vollendet. Die neue Parteivorsitzende wirkte zuletzt ziemlich überfordert. Die Ökologie? Sie wurde schon einmal zu einer finanz- und sozialpolitischen Nachhaltigkeit erweitert. Das ist bei der Basis angekommen. Vom nächsten Schritt, der Erweiterung der Ökologie zur Biopolitik, haben nicht einmal die Spitzenpolitiker eine genau Vorstellung - noch nicht.

Die grünen Wahlergebnisse haben, bei aller Analyse, auch etwas Gespenstisches. In ihnen scheint eine historische Notwendigkeit zu wirken: die Notwendigkeit des Niedergangs einer Generationenpartei. Ob das ihr Schicksal ist, oder ob die zweite Erweiterung der Ökologie sie retten kann, das ist die spannende Frage. Nicht nur für die Grünen.

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