Meinung : Nach Evian – der Klarheit wegen

Kommt beim G-8-Gipfel am Genfer See die Stunde der Realisten oder der Heuchler?

Gerd Appenzeller

Der französische Kurort Evian ist ein hübscher Platz und wie geschaffen für eine Konferenz vorwiegend mittelalter Herren. Das Wasser von Evian ist kohlensäurearm, seine Heilanzeigen für die Gipfelgäste passend. Wer hier kurt, hat im Rücken die Savoyarder Alpen und vor sich die Weite des Genfer Sees. Das zeigt die eigenen Grenzen und öffnet die Augen. Beides, Bescheidenheit und Perspektiven, stünde den Staats- und Regierungschefs der acht größten Industriestaaten der Welt bei ihrem Treffen gut an.

Denn anders als bei ihren regelmäßigen Begegnungen vollmundig verkündet, unternehmen sie nur bescheidene Anstrengungen zur Stabilisierung der Weltwirtschaft. Ihr Bemühen, Ländern der Dritten Welt Zugang zu den Märkten der Industrienationen zu schaffen, ist eher rudimentär. Drei der „großen Acht“, Deutschland, Frankreich und Italien, gehören zur Euro-Währungszone. Der Euro strotzt zwar dank der amerikanischen Geldpolitik auf den Finanzplätzen der Welt vor Kraft, aber dafür können sich bestenfalls die europäischen Touristen in den USA etwas kaufen. Es ist eine geliehene Stärke und keine aus eigener Kraft.

Die Konjunktur in Italien und Frankreich ist zwar auf den ersten Blick nicht ganz so schmalbrüstig wie in Deutschland – aber ein Wachstumsmittel für die Weltwirtschaft haben Franzosen und Italiener genauso wenig wie die Deutschen. Sie sind auch gar nicht daran interessiert. Wer seine eigenen Wehwehchen zu lindern nicht in der Lage ist, hat erfahrungsgemäß keinen Blick für die wirklichen Schmerzen anderer. Da wirkt es besonders heuchlerisch, wenn Frankreichs Staatspräsident vor dem Treffen in Evian mit großer Geste eine Förderung des Welthandels einfordert und dem Thema Wachstum höchste Priorität geben möchte. Er hat die Staats- und Regierungschefs vieler Entwicklungs- und Schwellenländer am Sonntag zu einem sogenannten erweiterten Dialog eingeladen. Freilich: Wenn der beendet ist, werden die Türen geschlossen und die G-8 bleiben wieder unter sich. Was werden sie bereden? An einer nüchternen Erkenntnis können sie eigentlich nicht vorbeikommen. Die Eurozone taugt noch nicht als Konjunkturmotor für die Weltwirtschaft. Diese Kraft hat nach wie vor nur einer – die USA.

Zunächst dürfen sich die G-8 aber erst einmal freuen. Mit dem Treffen zum 300. Gründungsjubiläum von St. Petersburg begann eine Bereinigung der europäisch-amerikanischen Zwistigkeiten. George W. Bush fand die angemessenen Gesten und Worte. Das Korsett der internationalen Diplomatie und ihre enge Tagesordnung haben sich wieder einmal als disziplinierend erwiesen. Politik und Wirtschaft sind viel zu eng miteinander verbunden, als dass sich eine der Seiten auf Dauer Arroganz oder Beleidigtsein leisten könnte. Die normative Kraft der Fakten bringt alle immer wieder zusammen.

Aber wozu außer zum eigenen Nutzen? Um Gerechtigkeit oder auch nur um Chancengleichheit, geht es nur am Rande. Dabei hat die Armut der Dritten Welt immer noch viel mit Handelshemmnissen auf den Weltmärkten zu tun. Die Weltbank errechnete, dass die Industriestaaten pro Jahr fast 300 Milliarden Euro als Exporthilfen an ihre Landwirtschaften austeilen. Gleichzeitig erschweren sie die Einfuhr von Agrarprodukten. Freiheit des Handels verstehen sie immer wieder als ihr doppeltes Recht, überallhin ungehindert zu exportieren und im Gegenzug Rohstoffe günstig zu importieren.

Morgen Abend wissen wir, ob der „erweiterte Dialog“ etwas anderes als eine neue Form des Monologs der Reichen gewesen ist.

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