Nach Putins Rede : Grenzen ziehen

Die Zeiten der Herausforderung will Wladimir Putin mit Kaltblütigkeit beherrschen. Sein Druck presst zusammen, sein Land – wie zugleich das Ausland. Das kann nun gar nicht anders, als ihm gemeinsam die Stirn zu bieten

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Wladimir Putin will ein russisches Unterlegenheitsgefühl heilen - durch betonte Überlegenheit.
Wladimir Putin will ein russisches Unterlegenheitsgefühl heilen - durch betonte Überlegenheit.Foto: AFP

Wladimir Putin, inmitten imperialer Pracht, setzt sich in Szene – und alle Welt schaut zu. Das passt zum Selbstbild, seinem und dem der Russen. Eine Großmacht wollen sie sein, als solche respektiert werden, und in der Wiederholung dieses Anspruchs liegt ein zutiefst psychologisches Moment. Putin als der stärkste Mann des Landes bedient eine verletzte Seele. Je härter er redet, desto mehr wird deutlich, dass er auch ein Gefühl zu bedienen versucht: das, von allen anderen nicht richtig behandelt zu werden. Ein Unterlegenheitsgefühl, das geheilt werden soll durch betonte Überlegenheit.

Das Operettenhafte des Auftritts, das zuweilen an bitterböse amerikanische Klamotten über anmaßende Diktatoren erinnerte, darf niemanden täuschen: Russland wird regiert von Putin und seinesgleichen, Putinisten, die Zeiten der Herausforderung mit Kaltblütigkeit beherrschen wollen. Und es sind solche Zeiten.

Das alles erinnert an die versunkene Sowjetunion

Der kleine Zar sagt da also, die Krim ist Russland, weil nichts so russisch ist wie ihre Geschichte. Nur schon das Vaterländische im Ton wird vieles in der Russischen Föderation zum Klingen bringen und soll die vielen innerhalb zum Zusammenhalt bewegen. Haben wir, lautet die nicht ausgesprochene Frage, nicht all denen, die von außen kamen, immer die Stirn geboten? Kommen auch Sanktionen, härtere, härteste – Putin beleuchtet pathetisch ein Szenario, dass zwar Verzicht aufs Volk wartet, aber die eigene Unbeugsamkeit den Sieg verheißt. Wen das nicht an die versunkene Sowjetunion erinnert. Und doch sind die Zeiten andere.

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Eine Mehrheit, eine sehr große, wird hinter Putins Kurs stehen; freiwillig und nicht nur, weil dieser Staat keine Alternative zulässt. Außerdem ist noch keine so sehr im Verborgenen gewachsen, dass sie diesen Kremlherrn morgen seinen eigenen Maidan fürchten lassen müsste, einen Aufruhr, der auf dem Roten Platz beginnt und das Land entzündet. Putin, der Agent seiner selbst, beugt aber auch dem vor.

Sanktionen dürfen nicht so einfach ausrechenbar sein

Wollten nicht alle Demokratie und die Macht des Volkes und keine Korruption und Frieden und Aufschwung – danach klingt, was er sagt. Nebenbei hört es sich allerdings wie eine Drohung an, dass keiner sozioökonomische Gefahren im Land hervorrufen soll. Soll heißen: keiner in der russischen Elite, kein Oligarch, aber auch niemand im Ausland, weil das unberechenbare Folgen haben könnte. Nicht nur für ihn.

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Putins Druck presst zusammen, sein Land – und damit übrigens auch die, die ihr Geld im Ausland haben – wie zugleich das Ausland. Das nun gar nicht anders kann, als zusammenzufinden, um wiederum ihm die Stirn zu bieten. Denn der Westen muss auf seinen Werten bestehen, weil er sonst alle Glaubwürdigkeit nach innen wie nach außen als Lordsiegelbewahrer der Demokratie verlöre. Doch muss er auch genau deshalb diese Werte in kluger Weise verteidigen, die im Wissen liegt, dass Konflikte im 21. Jahrhundert nicht mehr militärisch, kriegerisch zu lösen sind, sondern über ein komplexeres Reiz-Reaktions-Schema: Tust du dies, weißt du nicht genau, was wir tun werden – Sanktionen dürfen nicht so einfach ausrechenbar sein. Wie jetzt für Putin.

Es gilt darum, seine mutmaßlichen Pläne politisch einzuhegen, den Versuch der Wiederbelebung der „Gemeinschaft Unabhängiger Staaten“ unter dem Diktat Moskaus und den Bau einer Eurasischen Union, dazu einer Wirtschaftsgemeinschaft derer, die sich ähnlich ausgeschlossen fühlen. Eine diplomatische Offensive, die ihm dazu Argumente aus der Hand schlägt, ist eines der Mittel. Das andere: das Gespräch mit ihm, trotz allem. Wer es führt, muss Putins Gedankengebäude auswendig kennen, ihn vorher verstehen lernen, ohne vor ihm Verständnis zu zeigen. Das würde dieser Mann nur als Schwäche auslegen.

Die Ukraine soll nicht gespalten werden

Also, was stattdessen? Jeden Punkt des vor aller Welt Gesagten danach befragen, wie er gemeint ist, das besprechen und festhalten, vor Zeugen. Zum Beispiel: dass die Ukraine nicht gespalten wird. Oder dass Russland nicht künftig alle Russen fast überall als Vorwand für Annektion nimmt. Und wenn es so ist, dann muss der Westen wie weiland Leonid Breschnew auf strikte Einhaltung des einmal Vereinbarten bestehen. Die Sprache der Kremlherrn versteht Putin.

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