Meinung : Nach Revolution vereist Heute wäre die Sowjetunion achtzig geworden

Elke Windisch

Heute wäre die Sowjetunion achtzig geworden. Wenn sie sich nicht vor elf Jahren aus der Geschichte verabschiedet hätte. Hätte, wäre, wenn. Die Gründe für den Kollaps sind bis heute so umstritten wie die Bilanz des Großfeldversuchs Sowjetkommunismus. Eindeutig punkten kann bis auf Weiteres nur der zuvor fast vergessene russische Konditional: Hätte, wäre, wenn.

Vor allem also das Irreale.

Wenn Lenin, schwer krank und bei einem Attentat durch Kopfschuss verletzt, nicht im Januar 1924 gestorben wäre, hätte er und nicht der Diktator Stalin den Entwicklungen seinen Stempel aufgedrückt: Aus dem zaristischen Völkergefängnis wäre eine Gemeinschaft gleicher Völker geworden, meinen die einen. Wenn es ihm jemals Ernst damit gewesen wäre, halten die anderen dagegen, hätte er vor objektiven Zwängen kapitulieren müssen. Oder wäre ein Stalin geworden.

Zum exportfähigen Zukunftsmodell fehlten den Gründervätern der Union von Anbeginn an elementarste Voraussetzungen: Russland und dessen Kolonien waren wirtschaftlich im Rückstand und verharrten politisch im Halbfeudalismus asiatischer Prägung. Bei dem Versuch zu überholen, ohne einzuholen, konnten daher nur Teilerfolge erzielt werden: Flächendeckende Elektrifizierung, die der UdSSR später den achten Platz unter den Industrienationen einbrachte, Erschließung von Tundra, Taiga und Wüste, deren Bewohner innerhalb einer Generation den Sprung vom Mittelalter in die Neuzeit schaffen mussten, Beseitigung von Analphabetentum, medizinische Grundversorgung einschließlich Ausrottung von Seuchen und allmählich auch Befreiung vom Hunger.

Errungenschaften, die mit Blut bezahlt wurden: Bis zu 30 Millionen Sowjetbürger kamen im Zweiten Weltkrieg um – doppelt soviel starben in den Gulags als Volksfeinde.

Bürger- und Interventionskriege, die erst unmittelbar vor der Gründung der UdSSR zu Ende gingen, hatten die revolutionäre Wachsamkeit der roten Kommissare zum Verfolgungswahn gesteigert. Der Konflikt mit dem „Weltimperialismus“ und dessen potenziellen und angeblichen Helfern im eigenen Lande lieferten ihnen zudem einen halbwegs plausiblen, zumindest demagogisch wirkungsvollen Vorwand für eine repressive Innen- und Minderheitenpolitik.

In stetiger, häufig berechtigter Furcht vor Rebellionen in den Halbkolonien im Kaukasus und in Zentralasien zogen sie nach dem Teile-und-Herrsche-Prinzip willkürliche Grenzen durch die traditionellen Siedlungsgebiete der nichtrussischen Völker und schufen damit selbst die Grundlage für Dutzende ethnischer Konflikte, die sich mit Beginn der Perestroika gewaltsam Bahn brachen.

Zwangsläufig: Das sowjetische Modell – und seine Schöpfer wussten dies sehr wohl – konnte nur als hermetisch geschlossenes, politisch und wirtschaftlich autarkes System von Bestand sein. Ökonomische Dynamik und politische Erstarrung, das war die verhängnisvolle Dialektik der Sowjetunion, die sich später zuungunsten von beidem auflöste. Schon die geringsten demokratischen Zugeständnisse, zu denen Gorbatschow sich vor allem wegen zunehmender wirtschaftlicher Probleme gezwungen sah, führten sogleich zu irreversiblen Auflösungserscheinungen, denen der Kreml, durch Afghanistan-Krieg und das Wettrüsten mit dem Westen ohnehin geschwächt, mehr oder minder ohnmächtig zusehen musste.

Wenige Monate nach dem Verlust des ersten cordon sanitaire in Gestalt des Ostblocks fiel alsbald auch der zweite: Eine nach der anderen erklärten sich die 15 Sowjetrepubliken 1990 für unabhängig. Als die Präsidenten Russlands, Weißrusslands und der Ukraine im Dezember 1991 konstatierten, „dass die UdSSR als Subjekt des Völkerrechts und als geopolitische Realität aufhört zu existieren", erteilten sie einem Staat die Sterbesakramente, der längst schon in Verwesung übergegangen war.

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