Nachruf : Lech Kaczynski - ein Opfer

Lech Kaczynski war ein Gestriger, gewiss. Und doch hinterlässt er seinem Land ein Erbe, das keineswegs nur eine Hypothek ist. Er hinterlässt seinem Land ein gestärktes nationales Bewusstsein und eine konsequentere Aufarbeitung seiner Vergangenheit.

Sebastian Bickerich

Es ist eine Tragödie, die weit über Polen hinausgeht, ein Messerstich ins Herz. Da stirbt der Präsident und mit ihm die Spitzen der Generalität und der Elite, einen Steinwurf weg von Katyn, jenem Schicksalsort Polens, an dem Stalins Schergen schon einmal die Eliten des Landes ermordeten. Da wird ein Russlandhasser zum Opfer – an Bord einer Sowjetmaschine, im Landeanflug auf Smolensk, zerschellt in den Nebeln Westrusslands. Ein Opfer – einer Nation, die an Opfern und an Opferbereitschaft mehr zu bieten hat als wohl jedes andere Land in Europa.

Wer da gestorben ist, war ein Gestriger, gewiss. Einer, dessen Denkschablonen tief im Kalten Krieg steckengeblieben waren. Einer, der sich von der Beschwörung des polnischen Opfermythos mehr politischen Gewinn versprach als von einem Aufbruch in eine europäische Zukunft – gerade die Deutschen erinnern sich an merkwürdige Versuche, polnische Kriegsopfer und deutsche EU-Zahlungen miteinander zu verknüpfen.

Wer da gestorben ist, war auch einer, dessen populistische Law-and-Order-Parolen nach innen kaum mehr verfingen. Längst war die Zeit der Dominanz der Kaczynskis vorbei, spätestens mit der Abwahl seines Bruders Jaroslaw als Ministerpräsident vor vier Jahren. Jetzt bestimmen der moderate Regierungschef Tusk und seine Gefolgsleute das Geschehen. Kaczynskis Besuch im Windschatten des historischen Treffens seines Gegners Tusk vor drei Tagen in Katyn mit Wladimir Putin ist dafür ein tragisches Zeichen. Auch im aufziehenden Präsidentschaftswahlkampf spielte Kaczynski keine Rolle mehr; es bleibt abzuwarten, ob Bruder Jaroslaw aus dem Tod Lechs innenpolitisch Kapital schlagen will und selbst antritt.

Und doch hinterlässt auch Lech Kaczynski seinem Land ein Erbe, das keineswegs nur eine Hypothek ist. Dieser kleine Mann, der Angela Merkel und viele andere europäische Führer mit seiner Mischung aus Provinzialität, Unberechenbarkeit und Bauernschläue oft genug an den Rand des Wahnsinns trieb, dieser kleine Mann hat in Polen, gewiss doch, großes geleistet. Er machte der Herrschaft der Postkommunisten ein Ende – ein endgültiges, das sich auch in anderen Ländern Osteuropas schon lange zuvor abgezeichnet hatte und an diesem Sonntag wohl auch in Ungarn fortsetzen wird. Sein Vorwurf an den Revolutionsheld Lech Walesa und seine Solidarnosc-Umstürzler von 1989, nicht konsequent genug mit dem kommunistischen Staat gebrochen zu haben, prägte über Jahre die Debatten in Polen. Die Methoden, die er und seine Unterstützer dabei nutzten, waren oft genug fragwürdig, auch trug die Aufarbeitung der Restbestände des kommunistischen Erbes Züge einer Hetzjagd.

Trotzdem lag gerade in der Unbarmherzigkeit der Aufarbeitung etwas Klärendes. Janusz Kurtyka, der Direktor der polnischen Stasi-Unterlagenbehörde IPN und ebenfalls ein Unglücksopfer von Smolensk, hat es einmal so zusammengefasst: Es sei eine Illusion der Solidarnosc- Bewegung gewesen, zu glauben, man habe die alten kommunistischen Kader nach 1989 unter Kontrolle halten können. Ebenso, dass schon damals eine richtige Wende zu einem völlig neuen System stattfand. Kaczyniski wusste beides – und hinterlässt seinem Land ein gestärktes nationales Bewusstsein und eine konsequentere Aufarbeitung seiner Vergangenheit. Wenn das das Erbe Kaczynskis ist, dann können Polen und auch Europa damit gut leben.

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