Nacktscanner : Wir sind doch längst nackt

Nacktscanner bringen nur minimal mehr Sicherheit. Die Debatte um sie lenkt aber vom wahren Problem ab: Wir werden längst durchleuchtet. Ein Kommentar

Kai Biermann

Die Nacktscanner sind wieder da. Obwohl Bundesregierung und Bundesinnenministerium sie im Oktober 2008 als "Unfug" bezeichnet hatten, den man bestimmt nicht mitmachen werde, sind sie nun erneut als Sicherheitsfeature im Gespräch. Möglich gemacht hat diese Kehrtwende der Anschlagsversuchs auf den Flug NWA 253. Selbst die sich sonst so bürgerrechtlich gebende FDP hat offenbar kein Problem mehr mit ihnen.

Gisela Piltz, die stellvertretende Vorsitzende der FDP-Fraktion, sagt: "Wenn die Würde des Menschen gewahrt wird, müssen wir zur Sicherheit der Passagiere auch in solche Systeme investieren." Ihre bisherige Ablehnung habe sich lediglich auf die erste Generation der Geräte bezogen, bei der auch der unbekleidete Körper dargestellt wurde.

Das klingt erst einmal logisch, ist es aber nicht. Verpasst wird damit zudem die Chance, über ganz andere Probleme im Zusammenhang mit der Flughafensicherheit zu reden.

Zum Ersten: Auch die neuen Terahertzscanner garantieren keineswegs, dass alles erkannt wird, was gefährlich ist. Sie sind bloß ein minimaler Gewinn an Sicherheit, für den einmal mehr eine Schamgrenze geopfert wird.

Und geopfert wird sie. Selbst wenn der, der am Nackscanner-Monitor sitzt, den Gescannten nicht live sieht und auch dann, wenn nur eine schematische Silhouette des Passagiers auf seinem Display erscheint. Zu sehen ist dennoch mehr als genug. Beispielsweise der vom Grünen-Politiker Volker Beck vor einem Jahr erwähnte "Anus Praeter", der künstliche Darmausgang. Oder alles, was unter die nicht umsonst so schamhaft benannte Rubrik Körperschmuck fällt.

Letztlich ist das eine gesellschaftliche Debatte – wollen wir lieber von Händen oder lieber von Strahlen abgetastet werden? Oder wollen wir zwischen beiden wählen dürfen? Oder nichts davon?

Viel wichtiger ist der zweite Punkt: Bereits jetzt sind Passagiere, die sich an die Sicherheitsschleuse eines internationalen Flughafens begeben, nackt. Im wahrsten Sinne. So gut wie alles über sie ist zu diesem Zeitpunkt bereits den Sicherheitsbehörden an Start- und Zielflughafen bekannt. Wir "sehen" das nur nicht, und deswegen scheint es uns nicht zu stören.

Anders ist nicht zu erklären, dass sich beim Thema Nacktscanner sogar die Kirchen zu kritischen Äußerungen berufen sehen, beim Stichwort "Passenger Name Records" oder PNR-Daten sich aber lediglich die üblichen Datenschützer melden und es sonst niemanden zu interessieren scheint.

Dabei werden diese Datensammellisten gezielt mit dem Zweck eingeführt, ein Verhaltensprofil jedes Passagiers erstellen, ihn also durchschauen zu können.

Na und, könnte man einwenden, wir haben doch nichts zu verbergen? Tatsächlich? Es ist uns offensichtlich peinlich, dass jemand von unserer künstlichen Hüfte erfährt, aber gleichzeitig egal, wenn derjenige weiß, dass wir ständig für Kurztrips in die Schweiz fliegen und dort möglicherweise ein Nummernkonto unterhalten?

Und dann kann man natürlich auch noch die Frage stellen: Was soll das alles? Rechtfertigen drei islamistische Anschlagsversuche auf Flugzeuge in den vergangenen acht Jahren all diese hysterischen Maßnahmen – zumal alle drei scheiterten? Die verhinderten Flüssigsprengstoffbomber, denen wir die Plastiktüten für Deo und Zahnpasta verdanken. Der gleichfalls verhinderte "Schuhbomber" Richard Reid, dessentwegen wir die Schuhe ausziehen müssen. Und eben Umar Faruk Abdulmutallab, der uns wohl Nacktscanner bescheren wird. Doch bringen diese Maßnahmen irgendetwas? Kann eine hektische Reaktion auf einen Anschlagsplan verhindern, dass sich Terroristen beim nächsten Mal etwas anderes ausdenken? Kann sie wenigsten verhindern, dass der gleiche Plan doch einmal funktioniert?

Der angesehene Sicherheitsexperte Bruce Schneier – der längst nicht der Einzige mit dieser Haltung ist – glaubt nicht daran. "Nur zwei Dinge haben das Fliegen (seit 9/11) wirklich sicherer gemacht: verstärkte Cockpittüren und die Tatsache, dass Passagiere inzwischen wissen, dass sie sich gegen Hijacker wehren können."

Zivilcourage also. Mit technischen Überwachungsinstrumenten aber wird die nicht unbedingt gefördert.

Quelle: ZEIT ONLINE

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