Meinung : Nahe an fünf Prozent...: ist es leicht, grün zu sein

Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß wie die Grünen leiden. Vor zwanzig Jahren wollten sie die Gesellschaft verändern, von Grund auf, radikal. Sie nahmen sich vor, die Bastionen des Systems zu stürmen, die bürgerliche Familie, die etablierten Parteien, das Monopolkapital, die Kirchen. Doch je näher sie der Macht kamen, desto mehr fingen sie an, die bürgerliche Gesellschaft zu mögen. Und je mehr sie sie mochten, desto unheimlicher wurde ihnen, dass die vermeintlichen Bastionen in Wahrheit fragil sind: Dem deutschen Monopolkapital droht der Globalisierungstod, Familienstrukturen lösen sich auf, die Kirchen verlieren Mitglieder und die als formal geschmähte Demokratie gibt es auch nicht von selbst. Die Stabilität der bürgerlichen Gesellschaft, das dämmerte den Grünen, ist kein Zustand, den man überwinden, sondern ein Produkt, das man immer neu herstellen muss.

1998 kehrte sich die Fließrichtung grüner Politik vollständig um: Man wollte nur noch verändern, um zu erhalten. Und so wurden die Schlauchs und die Fischers, die Müllers und Kuhns zu aller-staatstragendsten Politikern. Alle grünen Reformen zielten auf Stabilisierung: Die Staatsbürgerschaft sollte einen Zustand rechtlich festigen, den es schon gab. Die Homoehe sollte vor allem den Verbürgerlichungsprozess schwuler Submilieus unterstützen. Die Ökosteuer sollte zugleich das Klima und die deutschen Sozialsysteme erhalten. In der Europapolitik ist es der grüne Außenminister, der den Kanzler hinter den Kulissen zur Staatsräson ruft. Noch in der Polterei eines Oswald Metzger, der Schröder einen europapolitischen Amoklauf vorwirft, ist der staatstragende Gestus unübersehbar. Bei den beiden Kriegen, die Rot-Grün zu führen hatte, darf man getrost davon ausgehen, dass der Kanzler seinen Vize nicht ins Unausweichliche biegen musste. Wenn überhaupt gedrängt wurde, dann umgekehrt. Selbst bei der Zuwanderung wollen die Grünen nicht mehr möglichst viele Menschen ins Land holen, um mit ihnen eine knallbunte Multi-Kulti-Gesellschaft aufzuziehen. Sie möchten im Moment nur verhindern, dass die beiden Volksparteien den Eindruck erwecken, man könne Zuwanderung stoppen und sich die Integrationsleistung schenken.

Diejenigen, die da für die Grünen regieren, sind mächtig stolz darauf, dass sie ihren Beitrag dazu leisten, dass sich unsere schöne Bundesrepublik nicht allzu sehr verändert: Hurra, wir sind die bürgerlichsten von allen! Allein, das dürfen sie nicht sagen. Und da beginnt das Problem, das zurzeit bei den vier Prozentchen in den Umfragen endet. Gegenüber ihren Wählern bedienen die Grünen noch immer den Veränderungsfuror der frühen Jahre, nur eben verdünnt, entschuldigend, dass es zu mehr Veränderung nicht gereicht hat. Der Stolz wirkt verkrampft, wenn man sich als das kleinere Übel anbieten muss. Angst schwingt mit und Erschöpfung. Das motiviert diejenigen Wähler nicht, denen es so geht wie den führenden Grünen auch, die sich jetzt im Fahrersitz sehen und als Spätbekehrte mit Leidenschaft verteidigen, was sie vordem verachteten.

Es gefällt aber auch jenen anderen Wählern nicht, die in den Grünen die Resteverwalter ihrer Jugendträume sehen. Sie werfen Fischer und den Seinen den Verrat an Idealen vor, an die sie selbst nicht mehr glauben. Diese linksnostalgischen Wählermilieus werden von den regierenden Grünen zugleich bedient und verhöhnt. Dass man einen auf dreißig Jahre gestreckten Atomausstieg als Erfolg verkauft, mag noch angehen. Aber zweimaligen Kriegseintritt binnen dreier Jahre als Fortsetzung des Pazifismus mit anderen Mitteln zu verkaufen, ist stark. So produziert man Rachewähler, die voller Ingrimm und Widerwillen der PDS ihre Stimme geben.

Worauf man stolz ist, das kann man nicht sagen und was man geschafft hat, ist immer zu wenig - aus diesem Dilemma-Dialog mit den eigenen Wählern gibt es kein leichtes Entkommen. Auch für Joschka Fischer nicht. Er möchte das Problem überschreien mit einer Art Oppositionswahlkampf gegen die schwarz-gelbe Gefahr. Und mit dem Argument, das schon seine eigene Partei überzeugt hat: Lasst mich nicht allein, sonst seid ihr mich los. Das könnte sogar reichen. Schön ist es nicht. Für Menschen, die die Sehnsucht kennen.

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