Meinung : Nahöstlicher Hot Dog in Kopenhagen

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Von Henryk M. Broder

Endlich kommt wieder Bewegung in den Friedensprozess im Nahen Osten. Präsident Bush verspricht den Palästinensern einen eigenen Staat innerhalb von drei Jahren, wenn sie Arafat abservieren und eine neue Führung wählen, und die Vereinten Nationen, vertreten durch den Under-Secretary-General for Communications and Public Information, Mr. Shashi Tharoor, laden zu einem Internationalen Medien-Seminar über die Frage des Friedens im Nahen Osten am 17. und 18. Juli nach Kopenhagen ein. „In dieser Zeit der Tragödie und des Aufruhrs im Nahen Osten sind sich die Vereinten Nationen bewusst, wie wichtig die Förderung eines konstruktiven Dialogs ist", heißt es in der Einladung. Teilnehmen sollen „Politikmacher" aus Israel, Palästina, der Region, aus den USA und Europa, dazu Vertreter der Medien, „bekannte internationale Experten" und hochrangige UN-Repräsentanten.

Obwohl die UN hoch verschuldet sind, spielt Geld keine Rolle. Der zuständige Under-Secretary-General übernimmt die Kosten für das Flugticket („Wir bedauern, dass wir nur Economy bezahlen können") und bietet jedem Teilnehmer ein Taschengeld von 179 Dollar pro Tag für vier Tage, wovon die Experten und Panellisten Hotel und Essen bezahlen sollen, was nicht viel ist, wenn man bedenkt, dass ein Hot Dog in Kopenhagen schon fünf Dollar kostet. Allerdings, wenn man von 100 Seminarteilnehmern ausgeht und pro Kopf 2000 Dollar ansetzt, was eher zu wenig als zu viel ist, weil auch die Kosten der Organisation mitberechnet werden müssen, kommt man schon auf 200 000 Dollar.

Ein Klacks im Gesamtbudget der UN, aber auch das Geld muss von irgendwem erarbeitet werden, bevor es ausgegeben wird.

Krisen-Globetrotter

Nun gibt es nichts umsonst auf dieser Welt, schon gar nicht den Frieden. Deswegen finden solche Konferenzen inzwischen alle paar Wochen statt, immer woanders, aber immer mit den gleichen Teilnehmern, die sich inzwischen so gut kennen wie die Harlem Globetrotters ihre Gegner, mit denen sie gemeinsam auf Tournee gehen.

Auch die Dramaturgie ist immer die gleiche. Eine Hand voll Israelis und eine Hand voll Palästinenser – längst alte Bekannte – machen sich gegenseitig für die Lage verantwortlich und werfen sich Schmähungen an den Kopf („Terroristen!", „Kolonialisten!"), während die anderen Teilnehmer einen „konstruktiven Dialog" zwischen den Konfliktparteien in Gang zu bringen versuchen. Die Ereignisse vor Ort, in Jerusalem, Nablus, Ramallah, Bethlehem, Natanya und Petach Tikva, bleiben von solchen Exerzitien vollkommen unberührt.

Der Nahost-Konflikt ist inzwischen nicht nur politisch entgleist, er ist zu einem Dauer-Seminar mutiert, das wie ein Fortsetzungsroman ohne Ende funktioniert. Nicht „Frieden jetzt!" lautet der Titel, sondern „Gut, dass wir darüber gesprochen haben!" Von den UN bis zur letzten evangelischen Akedamie in der Oberpfalz wollen alle „vermitteln" und beim Dialog „helfen"; je aussichtsloser die Lage, umso mehr Spaß macht es, den Israelis und den Palästinensern beim Sparring auf neutralem Boden zuzuschauen.

Die Katastrophen von gestern sind die Doktorarbeiten von morgen. Der Krieg im Nahen Osten macht sich jetzt schon bezahlt: als ABM-Maßnahme für eine Armee reisender Experten, die keine Ahnung aber viel zu erzählen haben. Und Kopenhagen soll im Juli ganz besonders schön sein.

Henryk M. Broder ist Autor des Spiegel.

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