Meinung : Nahost: Der Erfolg eines ehrlichen Maklers

Die Nahost-Reise von Joschka Fischer war schon eine ungewöhnliche Leistung. Sie wird, falls nicht morgen schon wieder geschossen wird, Wirkungen haben, für den Nahen Osten, für Deutschland und auch für die Grünen.

In der Krisenregion selbst wurde eine überraschende Gelegenheit eröffnet, zum Friedensprozess zurückzukehren. Jassir Arafat ist mit seiner arabisch gesprochenen Verurteilung des Verbrechens von Tel Aviv weiter gegangen als je in den letzten Monaten. Und Ariel Scharon hat der Versuchung widerstanden, einen Krieg ohne Kriegsziel zu beginnen. Natürlich kann beides jeden Tag umkippen. Doch bieten die nächsten 14 Tage auch die Chance, mit Druck weiter zu verhandeln. Die US-Regierung wird in Europa sein, anschließend dürfte der EU-Gipfel in Göteborg zu einem Nahost-Gipfel werden. Dann könnte auf feste Grundlage gestellt werden, was in den fünf Tagen von Fischers Reise vorübergehend schon mal funktionierte: die nahtlose Koordination von USA und EU in der Nahost-Frage. Denn schon die kleinste Spaltung im westlichen Bündnis kann zum großen Graben in Nahost werden.

Deutschland wird dabei keine grundlegend andere, eher eine modifizierte Rolle spielen, weil Fischer im Moment die frischeste Näheerfahrung mit der Region hat. Und: Deutschland hat sich als Verhandlungsmacht weiter emanzipiert. Nicht von seiner Vergangenheit natürlich, sondern eher im Sinne einer Freiheit des Blicks. Bis 1989 trat Bonn als internationaler Verhandler nur in eigener Sache auf. Mit der Balkan-Krise schaltete die deutsche Politik sich in einen europäischen Hinterhofkonflikt ein. Nun hat Deutschland erstmals zufällig eine führende Rolle außerhalb der unmittelbar eigenen Interessensphäre gespielt.

Dass dies in Israel möglich war, erstaunt. Fünfzig Jahre nach dem Krieg, nach den schrecklichsten Verbrechen unserer Geschichte, hat sich historische Schuld in politische Haltung verwandelt, die, wenn der Zufall hilft, respektiert wird und etwas bewegen kann. Diesmal sogar ohne Scheckbuch. Deutschland wird damit nicht mächtiger, aber freier.

Die innenpolitischen Wirkungen dieser Reise sind profaner. Fischer hat in der Konkurrenz mit dem anderen Außenpolitiker, mit Gerhard Schröder, Punkte gut gemacht. Zuletzt hatte der Kanzler dem Außenminister Zug um Zug Terrain entzogen. Da wurde etwas zurückgeholt. Wie auch die Grünen etwas gewonnen haben. Für die Ex-Pazifisten ist dieser vorläufige Vermittlungserfolg ein Traumergebnis. So haben sich die Grünen immer gesehen, als jene, die durch Worte Waffen zum Schweigen bringen. Aber ganz so rein grün war das nicht. Denn Fischers Rolle beruhte auch auf der Abwendung von einer grünen Tradition, dem Sympathisieren mit den Palästinensern. Fischer handelte vielmehr nach der Devise: Äquidistanz, mit einem fast unmerklichen Hauch mehr Sympathie für Israel. Erst der Abschied von einer alten grünen Schlagseite eröffnete die Chance zu einem echt grünen Friedensbeitrag.

Nicht zuletzt hat die Nahost-Reise Wirkungen auf den Hauptdarsteller selbst. Fischer konnte tun, was er getan hat, nicht trotz, sondern eher wegen seiner Vergangenheit. Insofern war es vielleicht doch nicht schlecht, dass er am Ende der Schlacht um seine militante Vergangenheit nicht zurücktreten musste. Er machte weiter, um einen Teil seines gelegentlichen Hochmuts gebracht. Und so ganz hundertprozentig zweifelsfrei weiß man ja nicht, ob beispielsweise Jürgen W. Möllemann diese Mission genauso hingekriegt hätte. Das wird auch eines der zentralen Wahlkampfargumente der Grünen gegenüber der FDP: Wollt Ihr uns oder die?

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