Meinung : Nahost: Der General im Politiker

Charles A. Landsmann

Das "Hirn" der Hamas-Terroristen, Jamal Mansour, ist tot, getötet durch einen gezielten Raketenangriff israelischer Kampfhubschrauber. Doch der Tod des angeblichen Drahtziehers der großen Selbstmordanschläge der letzten Monate ist in der israelischen Öffentlichkeit allenfalls mit Befriedigung zur Kenntnis genommen worden. Denn viele wissen, was nun kommt. Wie damals, vor fünfeinhalb Jahren, als der Hamas-Bombenbauer Jehija Ajash mit Hilfe eines Mobiltelefons getötet wurde, wird es wohl auch diesmal wieder eine Anschlagsserie der Rache geben.

Noch hat Ariel Scharon die meisten Israelis hinter sich. Noch überzeugt das Argument, es sei besser, präventiv und gezielt viele Terroristen und leider hin und wieder auch einige wenige Unschuldige zu treffen, als mit militärischen Aktionen Vergeltung zu üben und dabei die gesamte palästinensische Bevölkerung leiden zu lassen. Eine andere Alternative gibt es für diese israelische Regierung (noch) nicht.

Doch das kann schnell anders werden - wenn nämlich die islamistischen Selbstmordattentäter wieder ihre Bomben in den israelischen Bevölkerungszentren zünden, wenn israelische Zivilisten gleich dutzendweise ermordet werden, wenn der US-Druck, die Eskalation der Gewalt zu stoppen, massiver wird, wenn radikale Siedler wieder zu den Waffen greifen. Dann könnte sich die desillusionierte israelische Öffentlichkeit sehr wohl von Scharon abwenden.

Doch ob das dann eine Wende nach rechts, zu Netanjahu und seinem populistischen Nationalismus hin sein wird oder eine nach links zum stets kompromissbereiten Schimon Peres, das weiß niemand. Erfahrung und Gefühl sagen allerdings, dass Tod und Gewalt noch immer die besten Wahlhelfer der radikalen Rechten Israels waren.

Scharon hat sich seit jeher, seit er Gründer und Kommandant der berüchtigten Kommando-Einheit 101 war, die in den 50er Jahren mörderische Rache für palästinensische Übergriffe nahm, als Anti-Terror-Spezialist verstanden. Scharon glaubt - anders als 1982 - nicht mehr, dass das Palästinenser-Problem militärisch zu lösen sei. Aber er glaubt immer noch, den Terror militärisch besiegen zu können.

In Wirklichkeit stärkt er mit seinem brutalen Vorgehen - nicht nur den Liqidierungen - die islamistischen Terroristen und deren politische Bewegungen und schwächt gleichzeitig die Stellung der Palästinensischen Autonomiebehörden. Das ist ein absurder Effekt dieser Politik - vor allem, weil man glauben darf, dass Scharon nicht den Sturz Arafats anstrebt, sondern nur dessen Schwächung als Verhandlungspartner.

Doch je mehr Arafat intern unter Druck gerät, desto unnachgiebiger wird er sich gegenüber Israel geben müssen. Und wenn Arafat und seine Leute doch aufgrund des inneren und äußeren Drucks ihre Machtstellung räumen müssten, würde die radikale Hamas ins Vakuum vorstoßen und so zum offiziellen Gegenüber Israels werden. Das kann nicht in Israels Interesse sein.

Der Politiker Scharon hat bisher alle mit seiner relativen Zurückhaltung überrrascht. Wenn jetzt der Militär Scharon das Oberkommando auch auf dem letztlich politischen Schlachtfeld übernehmen sollte, dann bestünde akute Kriegsgefahr.

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