Meinung : Nahost: Die Chance des Unkonkreten

Malte Lehming

Ist es eine unbedachte Bemerkung oder mehr? Eine Idee, ein Plan vielleicht, gar eine Vision? Die Spekulationen reißen nicht ab, seitdem der Kronprinz von Saudi-Arabien am 17. Februar in einem Interview mit der "New York Times" eine brisante Überlegung anstellte: Er wolle die gesamte arabische Welt für den Vorschlag gewinnen, den Staat Israel anzuerkennen und umfassende Beziehungen zu ihm herzustellen - wenn Israel sich seinerseits aus all jenen Gebieten zurückziehe, die es seit 1967 besetzt hält. Die Formel ist so einfach wie genial: Ein voller Frieden für das gesamte Land. Das klingt verführerisch, ja betörend.

Die Diplomatie läuft plötzlich auf Hochtouren. Immer tiefer haben sich Israelis und Palästinenser in den vergangenen Monaten in ihre Gewalttragödie verstrickt. Auch an diesem Wochenende kamen durch Terrorhand und Vergeltungsfaust Menschen ums Leben. Und doch ist unübersehbar, dass sich endlich wieder etwas auf der politischen Ebene bewegt. Vor einer Woche telefonierte US-Präsident George W. Bush mit Kronprinz Abdullah und stellte sich demonstrativ hinter dessen Vermittlungsbemühungen. An diesem Dienstag kommt der ägyptische Präsident Hosni Mubarak nach Washington. Am kommenden Wochenende wiederum wird US-Vizepräsident Dick Cheney zu einer ausgedehnten Reise in den Nahen Osten aufbrechen. Amerikanische Sondergesandte befinden sich bereits in der Region.

So intensiv wie nie zuvor lotet die Bush-Administration derzeit die Möglichkeiten aus, die sich durch die saudi-arabische Initiative politisch bieten. Saudi-Arabien ist das reichste und einflussreichste arabische Land. Auf seinem Boden liegen die beiden heiligsten islamischen Orte, Mekka und Medina. Die Stimme des Kronprinzen hat großes Gewicht. In drei Wochen, auf einem Gipfeltreffen der Arabischen Liga, will Abdullah sein Angebot offiziell den 22 Mitgliedsstaaten unterbreiten. Bis dahin muss ihn die internationale Gemeinschaft beim Wort nehmen. Keinem Böswilligen darf ein Vorwand geliefert werden, die Rückkehr zu Nahost-Verhandlungen zu torpedieren.

Denn die Zeit ist reif. Wenn sich die durch Verzweiflung und Wut aufgeladene Stimmung überhaupt noch besänftigen lässt, dann jetzt. Von einer Verewigung der Gewalt profitiert keiner. In Israel hat Ministerpräsident Ariel Scharon begreifen müssen, dass Härte nur Gegenhärte produziert. Und steigern kann er seine Maßnahmen kaum. Sämtliche palästinensischen Gebiete zurückzuerobern, wäre ebenso fatal wie die Ermordung Jassir Arafats. Drastische Maßnahmen sind perspektivlos geworden, Israel hat seine Eskalationsdominanz eingebüßt. Arafat wiederum sollte es langsam leid geworden sein, als quasi Gefangener der Israelis in Ramallah den hilflosen Märtyrer zu spielen.

Doch der Kreis derer, denen die neue Nahost-Initiative nützt, ist wesentlich größer. Die amerikanische Regierung ist dringend darauf bedacht, ihr Image in der arabischen Welt zu verändern. Die Bush-Administration gilt dort als pro-israelisch und anti-islamisch. Wenn sie wirklich den Druck auf Saddam Hussein erhöhen will, ist sie darauf angewiesen, dass sich der arabische Widerstand in Grenzen hält. Bagdad zu bombardieren, während gleichzeitig palästinensische Jugendliche in Flüchtlingslagern erschossen werden - das würde automatisch Tausende neuer Osamas produzieren.

Für Saudi-Arabien schließlich bietet die Initiative eine gute Gelegenheit, seinen nach dem 11. September nachhaltig ramponierten Ruf als Brutstätte des Terrors zu verbessern. Außerdem könnte die Arabische Liga einmal beweisen, dass sie abgesehen von ihren Krokodilstränen, die sie regelmäig über das Los der Palästinenser vergießt, auch substanziell bestrebt ist, deren Schicksal in gütlichere Bahnen zu lenken.

Vielleicht war es ursprünglich eine unbedachte Bemerkung, die Kronprinz Abdullah in jenem legendären Interview fallen ließ. Aber inzwischen ist daraus eine Initiative geworden, die vorsichtig hoffnungsvoll stimmt. Ihre Stärke ist ihre Vagheit. Sie im Vorfeld an Detailfragen scheitern zu lassen, wäre töricht. Gerade weil die Idee in eine allgemeine Formel gepackt ist, bietet sie den beteiligten Parteien die Chance, unter Vorbehalt der Konkretion an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Solche Chancen sind zu selten, um sie verstreichen zu lassen. Kein Ertrinkender sollte den Strohhalm zerbeißen, der ihn mit Luft versorgen könnte.

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