Meinung : Nahost-Gipfel: Das Heilige und der Hass

Robert Leicht

Der Nahe Osten ist ein besonders extremes, aber keineswegs seltenes Beispiel für eine totale Verknotung aller möglichen Konflikte in einen. Als ob es nicht ausreichte, dass gewaltsame politische Konflikte ihre gewöhnlichen Ursachen haben: territoriale Streitigkeiten, wirtschaftliche Interessen, Ölquellen, Wasserquellen ... Als ob all dies nicht ausreichte, kommt häufig noch eine religiöse Dimension hinzu. Ein teuflisches Paradox: Religionskriege sind besonders scheußliche Kriege, weil sie die Unversöhnlichkeit aufs Äußerste steigern - obwohl doch alle Religionen den himmlischen, den ewigen Frieden verkünden.

Palästinenser und Araber gegen Israelis - das heißt dann eben auch: Muslime gegen Juden. Kosovo - das heißt dann nicht nur: Serben gegen Albaner, sondern zugleich Muslime gegen (serbisch-)orthodoxe Christen. In Bosnien-Herzegowina waren sogar muslimische Bosniaken, katholische Kroaten und serbische Orthodoxe zugleich beteiligt. Es ging also nicht nur um inter-religiöse Konflikte, sondern auch um inner-religiöse Auseinandersetzungen. Wie in Nordirland: Katholiken gegen Protestanten.

Im Nahen Osten wird der religiös aufgeladene Sprengsatz noch brisanter, da sich der Konflikt letztlich auf Jerusalem zuspitzt - und dort auf den Tempelberg mit seinen heiligen Stätten. Nicht nur mit irgendwelchen heiligen Stätten, sondern mit den heiligen Orten, nämlich den Gründungs- und Ursprungsorten beider ineinander verwickelten Religionsformationen. In dieser Konfrontation scheint es nur noch ein "Entweder-oder" zu geben, keinesfalls aber ein "Sowohl, als auch". Angesichts dieser aussichtslosen Lage drei Überlegungen

Erstens: Sind diese Konflikte wirklich Religionskriege - oder handelt es sich um ganz normale Konflikte, auf die das religiöse Thema nur "draufgesattelt" wird? Die Frage ähnelt in vielem jener nach dem Primat von Henne oder Ei. Wichtiger ist etwas anderes: Ob der religiöse Aspekt nun der originäre oder nur ein nachgeschobener ist - er erschwert in jedem Fall die Friedensfindung. Über Wirtschaftgüter und Interessen kann man Kompromisse schließen, denn irgendwann kommt ein Punkt, von dem an es sich nicht mehr lohnt, um etwas Krieg zu führen, das durch den Krieg zerstört wird. Wenn aber ein verblendeter Kämpfer alles bescheidene Lebensglück und selbst sein kleines Leben fahren lässt, weil er glaubt, unmittelbar nach der Explosion seiner Selbstmordbombe werde er glückselig im Paradiese wallen: Was willst Du dann machen?

Zweitens: Die jüdische wie die christliche Schrift-Überlieferung steckt - für Friedensreligionen höchst bemerkenswert! - voller drastischer Gewalterfahrung; aber diese Berichte sind nicht dazu da, Gewalt zu rechtfertigen, sondern sie als einen Zustand von Menschenverachtung und Gottferne zu qualifizieren. Gewalt üben Menschen demnach nur dann gegeneinander, wenn sie sich selber an die Stelle Gottes setzen und das Heilige selber in Besitz nehmen wollen. Und aus eben diese Perspektive muss man theologisch und religionskritisch in äußerster Schärfe fragen, ob es Menschen je zusteht, heilige Besitztümer so in Anspruch zu nehmen, dass sie den Frieden endgültig verhindern: das heilige Amselfeld im Kosovokonflikt zum Beispiel. Hier gilt nun wirklich, was Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch in Israel nach 2000 Jahren gegenläufiger (und ebenso widergöttlicher wie unmenschlicher) Geschichte endlich gesagt hat: Religion rechtfertigt keine Gewalt.

Drittens: Verlangen also jüdische und christliche Religion und Ethik, aller Gewalt, erst recht aller religiös ideologisierten Gewalt entgegenzutreten (obschon die Christen im Verhältnis zu den Juden dagegen grässlich verstoßen haben), so kann sich eine solche Ethik nicht nur auf den religiösen Friedensschluss beschränken; wenngleich dies schon viel wert wäre. Sondern gerade aus dieser Perspektive müssten ihre Anhänger besonders aktiv den "weltlichen" Konfliktursachen nachgehen. Religiöser Friede ersetzt nicht weltliche Gerechtigkeit, sondern setzt sie voraus. Obszön freilich wird die Sache, wenn umgekehrt die religiöse Differenz zum Vorwand wird, die säkulare Ungerechtigkeit treiben zu lassen und fortzuschreiben.

So sollte es sein, so ist es aber nicht. Und so werden eben noch viele Seiten von Gewalterfahrung vollgeschrieben werden. Weil der Mensch eben nicht Gott ist. Aber sich dafür hält.

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