Meinung : Nahost-Konflikt: Im Windschatten des Terrors

Clemens Wergin

Solch eine Gelegenheit konnte sich Ariel Scharon nicht entgehen lassen. Wie in den Zeiten als Panzergeneral reagierte er schneller als alle anderen: Noch in der Nacht nach dem schwarzen Dienstag ließ er die Armee einen großen Schlag gegen die Terror-Hochburg Jenin führen. Erstmals wurden innerhalb der von den Palästinensern kontrollierten Zone A auch Infanteriesoldaten für die Jagd nach Terroristen eingesetzt. Das Ergebnis: elf Tote auf palästinensischer Seite.

Am nächsten Tag dann die Steigerung: Während die Welt noch den Anbruch einer neuen Zeitrechnung zu realisieren versuchte, schuf Scharon schon Fakten. Das Ziel war abermals Jenin, und, weitaus bedeutsamer - Jericho. Die Oasenstadt in der Jordansenke ist wie kaum ein anderer Ort mit den "guten alten Tagen" des Friedensprozesses verbunden. Sie war die erste Stadt, die von den Palästinensern übernommen wurde, hier hatte die neu eingerichtete Autonomiebehörde anfangs ihren Sitz. Jetzt schickte Scharon Panzer in die älteste Stadt der Welt. Wie um zu zeigen: Vor uns ist nichts sicher, nicht mal das Symbol für den Oslo-Prozess.

Man darf annehmen, dass der Anruf des US-Außenministers Colin Powell Scharons Entscheidung befördert hat, die Panzer aus dem Zentrum zurückzuziehen. Doch was wollte Israels Premier in einer Stadt, die bisher nicht durch Terroranschläge von sich reden machte? Ramallah, Nablus und Jenin, das sind die Brutstätten der Terroristen. Die große Bevölkerungsdichte gepaart mit Armut bilden dort einen Nährboden für Extremisten. Aber Jericho? Offenbar ging es Scharon um den Symbolwert der Palmenstadt.

Als Scharon nach dem Anschlag auf die Pizzeria in Jerusalem, der 15 Todesopfer forderte, das Orienthaus schließen ließ und den Ostjerusalemer Stadtteil Abu Dis wieder übernahm, hatten die Palästinenser protestiert. Aber im Westen empfand man zumindest Erleichterung darüber, dass Scharons Antwort eine politische und keine gewalttätige war. Das ist jetzt anders. Denn, so viel scheint klar, Scharon hat in Jericho einen Versuchsballon gestartet. Er wollte wissen, wie weit er gehen kann in einem Moment, in dem die Palästinenser kaum noch Sympathien in der Welt genießen. Denn obwohl Arafat Druck auf die Nachrichtenagenturen ausübte, Bilder zurückzuhalten: Die jubelnden Palästinenser haben in der westlichen Welt tiefen Eindruck hinterlassen. Und das versucht Scharon auszunutzen.

Gut möglich, dass der israelische Premier angesichts der neuen Frontlinien zwischen Orient und Okzident einen Plan in der Schublade hat für den Fall eines weiteren verheerenden Terrorschlages gegen Israel: Solch ein Anschlag könnte ihm als Vorwand dienen für eine komplette Übernahme der Autonomiegebiete. Und wenn er nun auch noch sagt, Arafat sei der Osama bin Laden Israels, wird deutlich: Hier soll einer für den Abschuss vorbereitet werden.

Doch Außenminister Powell hat erkannt, dass er - gerade jetzt, wo sich ein schwerer Konflikt des Westens mit Teilen der islamischen Welt abzeichnet - die Zügel in Nahost wieder in die Hand nehmen muss. Noch nie seit Ausbruch der zweiten Intifada war Arafat so in die Ecke gedrängt. Es öffnet sich ein Zeitfenster für einen Waffenstillstand. Deswegen drängt Powell auf ein baldiges Treffen zwischen Peres und Arafat.

Es ist eine alte Weisheit, dass Stillstand in Nahost Rückschritt bedeutet. Wenn Amerika nichts tut, tun die Konfliktparteien das Ihre - und eskalieren die Lage. Sollten die Israelis die Autonomiegebiete wieder übernehmen, würde das nicht nur den Nahostkonflikt über Jahre, Jahrzehnte unlösbar machen. Auch die Frontstellung zwischen dem Westen und den arabischen Ländern würde sich weiter verschärfen. Und eines ist klar: Eine wirksame Bekämpfung des islamischen Terrors unter Mitarbeit arabischer Staaten wird es nur geben, wenn der Nahostkonflikt den Fundamentalisten nicht mehr als Vorwand für ihre Anschläge dienen kann.

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