Meinung : Nahost-Konflikt: Pessimisten - die wahren Realisten

Charles A. Landsmann

Die Frage ist nicht mehr, wo das von Bundesaußenminister Joschka Fischer arrangierte Treffen zwischen Jassir Arafat und Schimon Peres stattfindet. Vielmehr muss stark daran gezweifelt werden, ob es überhaupt in absehbarer Zeit zustande kommt.

Anstatt in Vorgesprächen den unbedingt notwendigen positiven Ausgang des Gipfeltreffens festzulegen, eskalieren beide Seiten die Gewalt: Die Tatsache, dass ausnahmslos alle palästinensischen Angreifer Arafat direkt unterstellt sind, beweist, dass dieser gar nicht an einer Waffenruhe interessiert ist. Zudem kann sich Peres unter diesen Umständen mit seiner Verhandlungslinie kaum gegen Regierungschef Scharon durchsetzen.

Wer bisher die Meinung vertrat, dass es vor der Einstellung der Feindseligkeiten noch zu einem "großen Knall" bis hin zu einem Krieg kommen werde, galt als Pessimist. Seit der tödlichen Attacke auf eine israelische Armeestellung, dem mörderischen Anschlag auf einen zivilen PKW aus dem Hinterhalt und dem massiven israelischen Vergeltungs-Bombardement muss solch eine Position als realistisch gelten.

Außenminister Fischer wurde wegen seiner guten Dienste bisher zu Recht von beiden Seiten viel Lob gespendet. Doch jetzt will ihm Arafat die Verantwortung für die baldige Abhaltung seines Treffens mit Peres aufladen. Fischer solle die beiden Friedensnobelpreisträger an den Verhandlungstisch bitten - unbesehen der von Arafats Truppen ausgelösten Eskalation. Wieder einmal flüchtet so der Palästinenserpräsident vor der politischen Verantwortung für seine militärischen Taten. Nachdem auch die USA die gleiche Flucht-Taktik in ihrer Nahost-Politik anwenden, stehen Fischer und die EU plötzlich alleine im nahöstlichen Minenfeld. Fischer tut gut daran, wenn er sich jetzt zurückhält und seinen Amtskollegen aus anderen EU-Staaten zunächst den Vortritt lässt. Sie hatten sich in Jerusalem und Ramallah angemeldet, als es noch so aussah, dass auch sie Lorbeeren einheimsen könnten im Gefolge Fischers. Jetzt hat sich die Realität im Heiligen Land wieder einmal geändert. Nicht unerwartet für einen Kenner der Region wie Fischer - der sich keineswegs vordrängte, als es um mehr ging, als nur die beidseitige Zustimmung zu Gesprächen einzuholen - doch offensichtlich vollkommen überraschend für Italiener und Franzosen.

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