Meinung : Nahost: Rache an der Rache

Martin Gehlen

Rache ist maßlos. Das beklagt das Alte Testament. Das demonstrieren die heutigen Kämpfe im Heiligen Land. Keiner kennt diese düstere Logik besser als Schimon Peres, der Friedensnobelpreisträger. Keiner hat für diese Vergeltungsstrategie einen höheren politischen Preis bezahlt als er: Sein Mordbefehl für einen palästinensischen Terroristen kostete dem Rabin-Nachfolger im Mai 1996 den sicher geglaubten Wahlsieg.

Als kurz vor der Wahl der israelische Inlandsgeheimdienst um Erlaubnis fragte, Jehija Ajjasch umbringen zu dürfen, gab Peres ohne Not grünes Licht. Ajjasch, genannt "der Ingenieur", galt als Drahtzieher mehrerer Hamas-Anschläge mit über 50 Toten, die das Massaker des jüdischen Extremisten Baruch Goldstein in Hebron rächen sollten. Mitte 1995 war er im Gaza-Streifen untergetaucht, der palästinensische Sicherheitsdienst versicherte damals den israelischen Kollegen, man habe den Mann im Griff: Er werde keine weiteren Anschläge organisieren. Der "Ingenieur" starb - durch ein mit Sprengstoff präpariertes Handy. Für Peres entpuppte sich diese Entscheidung als größter Fehler seiner politischen Karriere. Hamas rächte sich mit drei fürchterlichen Bus-Anschlägen in Tel Aviv und Jerusalem. Die verunsicherte Bevölkerung wählte Oslo-Gegner Netanjahu zum neuen Regierungschef.

Palästinensischer Terror gegen die Zivilbevölkerung existiert seit der Gründung des Staates Israel. Doch solche Selbstmordattentate selbsterklärter Märtyrer gibt es erst seit 1993. Vieles spricht dafür, dass der Anlass dafür ebenfalls eine offizielle Strafaktion war. Wieder war Schimon Peres an führender Stelle beteiligt, als die neu gewählte Regierung Jitzak Rabin im Winter 1992 über 400 Hamas-Aktivisten in das Niemandsland zwischen dem damals von Israel besetzten Südlibanon und dem Libanon deportieren ließ. Gekümmert haben sich um die dort in Zelten ausharrenden Leute schiitische Libanesen, vor allem Hizbollah-Mitglieder. Dieser monatelange Kontakt zwischen den vormals verfeindeten islamischen Extremistengruppen verursachte offenbar einen fatalen Übersprung - den der Selbstmordattentate. Bis dahin eine typisch schiitische Kampfstrategie, verankert in der schiitischen Mentalität und der sie prägenden Märtyrertypologie. Dem sunnitischen Islam, dem auch die Hamas-Bewegung angehört, ist dieses Ideal der Selbstopferung ebenso fremd wie die Aschura-Feste mit kollektiven Selbstgeißelungen der Gläubigen.

Aus heutiger Sicht ist dieser fatale Übersprung mehr als nur eine neue Art von Terrortechnik. Inzwischen kopiert Hamas auch die politische Strategie der Hizbollah, seit Premier Ehud Barak den Süden Libanons ohne Bedingungen geräumt hat. Man zermürbt die israelische Gesellschaft, vor allem ihren postzionistischen, postmodernen Teil. Man muss die Soldateneltern und ihre Familien nur lange genug in Angst und Schrecken halten, dann wird die Bevölkerung eines Tages den militärischen Rückzug - auch ohne Bedingungen - verlangen. Das hat im Süden Libanons funktioniert, das strebt Hamas jetzt auch für die besetzten palästinensischen Gebiete an. Was vor neun Jahren als krasse Strafaktion für einige hundert Hamas-Aktivisten begann, ist mittlerweile zu einer umfassenden Kampfstrategie herangewachsen.

Der glauben Scharon und sein Sicherheitskabinett, mit immer drastischeren Aktionen noch Herr werden zu können. Mit am Tisch sitzt auch diesmal Schimon Peres. Mehr als 50 Staatsmorde hat dieses Gremium in den letzten Monaten angeordnet - mehr als zu keiner anderen Phase des Nahostkonflikts. Das letzte Opfer, den prominenten PLO-Politiker Ali Abu Mustafa, traf die Rakete in seinem Bürostuhl. Auf der Straße brodelt der Zorn, das Klima zwischen den Völkern vergiftet sich auf Generationen. Und wieder wird maßlose Rache folgen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben