Meinung : Nahost: Sollen die sich doch die Köpfe einschlagen

Malte Lehming

Was ist so schlimm daran, dass sich im Nahen Osten täglich ein paar Menschen umbringen? Die Frage klingt zynisch, weil die Antworten auf der Hand zu liegen scheinen. Sie lässt sich indes auch zugespitzt formulieren: Warum sollen Europäer und Amerikaner regelmäßig empört sein, wenn Israelis und Palästinenser das tun, was aus ihrer Sicht das kleinere Übel ist?

Ariel Scharon nimmt den Terror in Kauf, weil er unbedingt und völkerrechtswidrig die israelischen Siedlungen behalten will. Selbst wenn die Ampel auf Rot steht, rennt er weiter. Jassir Arafat zieht die Unterdrückung seines Volkes einem Kompromiss vor, weil er lieber als ewiger Freiheitskämpfer in die Geschichte eingehen will denn als machtbeschränktes Staatsoberhaupt eines Ministaates, das sich unter anderem um die Abfallbeseitigung von Ramallah kümmern muss. Er bleibt stehen, selbst wenn die Ampel auf Grün springt. Warum also soll der Rest der Welt die beiden Wahnsinnigen nicht einfach ihrem Schicksal überlassen?

Auf diese Frage werden in der Regel zwei Antworten gegeben: Erstens ist der Einsatz für den Frieden ein Gebot der Humanität, und zweitens droht der Konflikt über die Grenzen Israels hinaus zu eskalieren. Beide Antworten überzeugen nicht ganz. In Sierra Leone etwa sterben derzeit ungleich mehr Menschen im Bürgerkrieg als im Nahen Osten, ohne dass sich irgendwo ein Gefühl der Humanität artikuliert. Warum also hier und nicht dort? Der Streit um Palästina währt bereits seit Jahrzehnten. Worauf gründet sich die Hoffnung, dass er überhaupt lösbar ist?

Aber auch das Eskalationsargument sticht nicht. Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass Ägypten, Jordanien oder Syrien sich aktiv in den Konflikt einmischen wollen. Wegen der Palästinenser wird kein arabisches Land mehr in einen Krieg gegen Israel ziehen. Statt dessen ruft man zu Gipfeltreffen auf oder reicht Resolutionen bei den UN ein. Wir geben uns so oft wie möglich empört und ziehen danach ratlos die Schultern hoch. Wir verurteilen Gewalt und Unterdrückung aus der sicheren Distanz: Sollte sich in solchen Gesten die Nahost-Politik insgesamt erschöpfen?

Was der Beobachter nicht sieht, weil es sich nur schwer in Bilder bannen lässt, sind die psychologischen Folgen. Um Israel, wo seit Beginn der zweiten Intifada ein traurig stimmender Barbarisierungsprozess eingesetzt hat, muss man sich noch die geringsten Sorgen machen. Trotz seiner katastrophalen Siedlungspolitik bleibt das Land eine erstaunlich stabile Demokratie. In der arabischen Welt allerdings, die immerhin eine Milliarde Menschen umfasst, verstummen nach und nach alle moderaten und säkularen Stimmen. Der Friedensprozess hatte sie in ihren Bemühungen unterstützt, in ihren Ländern für eine gewisse Offenheit gegenüber westlichen Werten zu werben. Inzwischen sind überall die Fundamentalisten auf dem Vormarsch, die die drohende Isolierung der arabischen Welt als Chance begreifen, sich endgültig durchzusetzen.

Auch in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung treten die arabischen Länder seit langem auf der Stelle. Vor 50 Jahren war das Pro-Kopf-Einkommen in Syrien und Ägypten ungefähr so hoch wie in Südkorea. Heute ist Südkorea eine Industrienation, in Syrien und Ägypten herrschen Apathie und Stagnation. Die Gewalt im Nahen Osten dient den Potentaten als bequeme Entschuldigung für die selbst verschuldete Misere. Man müsse militärisch mit den "Zionisten" schließlich Schritt halten, heißt es. Der Friedensprozess hatte dieses verlogene Konstrukt ins Wanken gebracht und Reformansätze geweckt.

Das alles versandet derzeit in der Wüste. Vielleicht war der Friedensprozess wichtiger als der Frieden selbst. Er muss deshalb trotz aller Hindernisse wiederbelebt werden - nicht nur, weil täglich Menschen sterben, sondern vor allem, weil ohne ihn eine Milliarde Menschen weiter um ihre Zukunft betrogen werden können. Und das würde langfristig Konsequenzen haben, die gravierender sind als jede Intifada.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben