Meinung : Nahrung für die Ethik

„Skandalöse Kampagne gegen die Hunger macher“ vom 24. Januar und „Das Geschäft mit dem Essen“ vom 28. Januar

Ich kann nicht verhehlen, dass ich Ihren Kommentator zunächst im Verdacht hatte, bei der Deutschen Bank in Lohn und Brot zu stehen. Aber diese Unterstellung war natürlich ungerecht, der Herr Stiftungsprofessor wird lediglich von der Stiftung des Multimilliardärs Dieter Schwarz bezahlt. Dessen DiscounterKette Lidl ist ja vor allem im Umgang mit Mitarbeitern für allerhöchste Standards bekannt, die vermutlich auf den wirtschaftsethischen Forschungen von Professor Pies beruhen. Und auch sonst ist der Mann sein Geld wert: Wer es schafft, die „kleinen Leute“ zu Komplizen der großen Finanzspekulanten zu machen, kann potenzielle Kritik am Turbokapitalismus schon im Vorfeld entkräften. Ein Hoch auf die Wissenschaft!

Ich fände es allerdings ganz schön, wenn der Tagesspiegel gerade bei einem Meinungsbeitrag, der so dröhnend daherkommt, nicht nur das Ross, sondern auch den Reiter nennen würde. Nicht dass es in den Zeiten des Internet schwer wäre, dieses selbst zu recherchieren – aber gab es da nicht früher mal so etwas wie journalistische Standards?

Bei mir hat dieses engagierte Plädoyer für das Spekulantentum jedenfalls eines bewirkt: Ich bin heute endlich Fördermitglied bei Foodwatch geworden. Danke für die Entscheidungshilfe!

Andreas Saremba, Brieselang

Das ist schon starker Tobak: Da schreibt Ingo Pies, Professor für Wirtschaftsethik, skandalös sei nicht die Agrarspekulation, sondern die Kampagne namhafter Organisationen der Zivilgesellschaft gegen eben diese Spekulation. Wie Thilo Bode von Foodwatch in seiner Erwiderung hervorhebt und Ingo Pies überall nachlesen kann, verlangen Foodwatch und andere zivilgesellschaftliche Organisationen keineswegs ein generelles Verbot der Spekulation an den Warenterminbörsen. Eine kontrollierte Spekulation trägt vielmehr dazu bei, dass die Preise für die Produzenten einigermaßen abgesichert sind. Auch Ingo Pies dürfte bekannt sein, wo das eigentliche Problem zu suchen ist: Seitdem die Finanzindustrie die Terminmärkte durch Investition von dreistelligen Milliardenbeträgen in den globalen Kapitalmarkt integriert und von der Realwirtschaft abgekoppelt hat, steigen und fallen die Preise für Rohstoffe aller Art, darunter auch Getreide, mit den Schwankungen an den Finanzmärkten, z. B. wenn die Anleger, wie im Krisenjahr 2008, massiv von anderen Anlageformen auf Rohstoffe umsteigen. Die Folgen sind unbezahlbare Lebensmittelpreise für Hunderttausende. Dazu schweigen Pies und Deutsche-Bank- Chef Fitschen aber geflissentlich. Angesichts dieser Stellungnahme für die Interessen von Deutscher Bank und Allianz muss man sich fragen, wer die Professur für Wirtschaftsethik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg finanziert.

Prof. Dr. Dr. Heiner Legewie,

Berlin-Mitte

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