Nahrungsmittelspekulation : Replik auf einen Gastbeitrag von Hans-Heinrich Bass

Ingo Pies

„[E]very man has a right to be wrong in his opinions. But no man has a right to be wrong in his facts.”
Barnard M. Baruch (1960, S. 376).

Hans-Heinrich Bass hat einen Artikel geschrieben, über den man nur staunen kann. Aber das Staunen ist ja der Anfang aller Philosophie. Und so will ich nun versuchen, ein paar Fakten zu klären und einige Fragen zu stellen. Denn Philosophie betreibt man nicht durch Schweigen, sondern allein dadurch, dass man sich in einem sozialen Prozess – gemeinsam mit anderen – wechselseitiger Kritik aussetzt, die sich konstruktiv um Aufklärung und Verständigung bemüht.

Falsche Reihenfolge

Fakt ist: Die Welthungerhilfe erhebt am 4. Februar 2011 öffentlichkeitswirksam die Forderung, die Finanzspekulation mit Agrarrohstoffen einer strengen Regulierung zu unterwerfen. Im Mai 2011 legt sie eine Studie vor, die sie bei dem agrarökonomischen Afrika-Experten Hans-Heinrich Bass in Auftrag gegeben hatte. Deren Titel lautet: „Finanzmärkte als Hungerverursacher?“.

Diese Reihenfolge überrascht. Normalerweise würde man erwarten, dass eine auf ihren guten Ruf bedachte Organisation sorgfältiger vorgeht, indem sie die Stellungnahme des beauftragten Wissenschaftlers abwartet, bevor sie sich mit politischen Forderungen an die Öffentlichkeit wendet. Auf welcher Informationsgrundlage wurde im Februar 2011 eine strenge Regulierung angemahnt? Welche internen Vorsichtsmaßnahmen waren zu beachten, um die Qualität dieser strategischen Entscheidung abzusichern?

Radikale Forderung

Fakt ist: Eine große Anzahl internationaler NGOs erhebt am 17. Februar 2011 die Forderung, „die Finanzspekulation mit Agrarprodukten zu zügeln“: „Der Beteiligung rein finanzwirtschaftlicher Akteure im Warenterminmarkt für Rohstoffe müssen enge Grenzen gesetzt werden.“ Zu dieser Forderung nimmt die von der Welthungerhilfe in Auftrag gegebene Studie explizit Stellung. Allerdings rät sie nicht zu – sie rät ab. Hans-Heinrich Bass schreibt (S. 91, Hervorhebung im Original): „Das Ausschalten aller »rein finanzwirtschaftlichen Akteure« würde aus unserer Sicht … enorme Liquiditätsengpässe schaffen und Hedgern keine Gegenpositionen ermöglichen. … Dieser Vorschlag wird … der Komplexität der Sache nicht gerecht“.

Interessanterweise trifft Hans-Heinrich Bass in seinem Artikel im Tagesspiegel hierzu folgende Aussage: „Das von manchen zivilgesellschaftlichen Organisationen geforderte Ausschalten aller »rein finanzwirtschaftlichen Akteure« (das heißt neben den index-orientierten Anlegern auch der »konventionellen« Spekulanten!) würde aus Sicht der Studie tatsächlich enorme Liquiditätsengpässe schaffen und Hedgern keine Gegenpositionen ermöglichen und wird daher abgelehnt – ganz im Einklang mit der Position der Welthungerhilfe.“ Diese Aussage erweckt den Eindruck, die Stellungnahme von Hans-Heinrich Bass wende sich inhaltlich nur gegen eine radikale Forderung der übrigen NGOs, nicht jedoch gegen die hier als moderat dargestellten Regulierungswünsche der Welthungerhilfe. Dieser Eindruck ist falsch.

Fakt ist, dass die Welthungerhilfe in ihrer Presseerklärung vom 4.2.2011 eine noch radikalere Forderung erhebt als jene, die Hans-Heinrich Bass mit gut fundierten Argumenten zurückweist. In ihrer Presseerklärung liest man: „Die Welthungerhilfe fordert die Bundesregierung auf, sich für einen Stopp der exzessiven Spekulation mit Agrarrohstoff-Derivaten einzusetzen. … Der Agrarrohstoff-Derivate-Markt sollte den Händlern zugänglich sein … und nicht Finanzakteuren.“ Wer das unbefangen liest, wird dies so interpretieren, dass die Welthungerhilfe hier das Ausschalten aller rein finanzwirtschaftlichen Akteure vom Terminmarkt fordert – auch wenn Hans-Heinrich Bass das heute so nicht mehr wahrhaben will.

Fakt ist auch: Die Welthungerhilfe hat sich von der durch sie in Auftrag gegebenen Studie nie distanziert. Vielmehr beruft sie sich bei jeder Gelegenheit auf diese Arbeit von Hans-Heinrich Bass – ohne jeden Hinweis auf etwaige Diskrepanzen zum eigenen Programm.

Hinsichtlich des Qualitätsmanagements dieser Organisation wirft dies zwei Fragen auf: Ist es der Welthungerhilfe vielleicht gar nicht aufgefallen, dass die eigene Studie ihrer politischen Radikalforderung widerspricht? Oder ist es ihr aufgefallen, und sie setzt darauf, dass sich der normale Leser schon nicht bis auf S. 91 der Studie vorkämpfen wird?

Welthungerhilfe als Hardliner

Fakt ist: Beim Thema der Agrarspekulation gehört die Welthungerhilfe zu den Hardlinern der NGOs. Sie propagiert die Maximalforderung, die Terminmarktgeschäfte von Indexfonds auf null zu reduzieren. Diese Forderung tritt zum einen als Verbotsforderung auf, zum anderen als Forderung nach freiwilliger Unterlassung.

Die Hardliner-Position der Welthungerhilfe erkennt man beispielsweise an der Gemeinschaftsaktion „Mit Essen spielt man nicht!“. Die gibt es in zwei Varianten. In der Variante vom November 2011war die Welthungerhilfe noch nicht dabei. Damals wurden nur Preis- und Positionslimits gefordert. In der Variante vom Juni 2012 ist die Welthungerhilfe mit an Bord. Hier wird der Katalog erweitert um die Forderung nach einem „Verbot von Investmentfonds an den Agrarrohstoffmärkten“.

In die gleiche Richtung weist der Versuch, anlässlich des Festakts „50 Jahre Welthungerhilfe“ Bundespräsident Gauck für die eigene Maximalforderung zu vereinnahmen. Dieser Versuch wurde unternommen, nachdem der Welthungerhilfe längst bekannt sein konnte, dass Wissenschaftler hier warnend Widerspruch einlegen. Mittlerweile muss es ihr bekannt sein. Der offene Brief von 40 Wissenschaftlern – vornehmlich Agrarökonomen, aber auch Volks- und Betriebswirte, Wirtschaftsethiker und Juristen – dokumentiert den warnenden Widerspruch der Fachleute. Dort heißt es: „Das in den letzten Jahren deutlich verstärkte Engagement von Finanzinvestoren auf den Terminmärkten für Agrarrohstoffe erfüllt eine wichtige Versicherungsfunktion. … Eine drastische Einschränkung solcher Finanzgeschäfte würde den Terminmärkten die benötigte Liquidität entziehen und ihre Funktionsfähigkeit beeinträchtigen. Die Agrarmärkte würden dann sicherlich nicht besser, sondern sehr wahrscheinlich schlechter funktionieren. Davor wollen wir warnen.“

Offene Fragen

Vor diesem Hintergrund gibt es einen erheblichen Erklärungs- und Handlungsbedarf:

·        Wie konnte es passieren, dass sich die Welthungerhilfe so unglücklich in eine verfehlte Kampagne hineinsteigert, in der sie insbesondere bei ihrer Maximalforderung die Wissenschaft nicht als Unterstützerin an ihrer Seite, sondern als Kontrahentin gegen sich hat?

·        Wie lange noch will man an der Kampagne scheinbar unbeirrt festhalten, nachdem die zuständigen Fachwissenschaftler so massiv widersprochen haben?

·        Welche Vorkehrungen institutioneller Art gedenkt man zu treffen, damit sichergestellt ist, dass sich ein solches Organisationsversagen in Zukunft nicht wiederholen wird?

Letztlich muss allen wohlmeinenden Menschen daran gelegen sein, dass die Welthungerhilfe die Skandalgeschichte ihrer verfehlten Kampagne möglichst unbeschadet übersteht, verloren gegangenes Vertrauen schnell zurückgewinnt und ihren guten Ruf vollumfänglich wieder herstellt. Schließlich wird sie noch gebraucht. Den globalen Hunger wirksam zu bekämpfen, ist und bleibt ein wichtiges Anliegen. Aber gerade den Hungernden ist die Welthungerhilfe künftig mehr Sorgfalt und bessere Arbeit schuldig.

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