Nastassja Kinki, Schauspielerin : „Ich hatte zu viel Liebe“

Es war nur ein Tatort-Krimi, und doch sorgte „Reifezeugnis“ bei seiner Erstausstrahlung 1977 für Aufregung. Dreißig Jahre später plant der NDR nun eine Fortsetzung.

Sebastian Handke

Es war nur ein Tatort-Krimi, und doch sorgte „Reifezeugnis“ bei seiner Erstausstrahlung 1977 für Aufregung: Die blutjunge Nastassja Kinski war darin zu sehen als Schülerin Sina Wolf, die ein Verhältnis mit ihrem Lehrer hat und einen Mitschüler erschlägt, der sie zu erpressen droht. Es war nicht die frühreife Darstellung allein, die Kinski über Nacht berühmt machte, sondern die Freizügigkeit, mit welcher der heutige Hollywood-Regisseur Wolfgang Petersen („Troja“) das Thema behandelte: Die damals Sechzehnjährige zog sich mehrfach aus – und brachte einen Hauch von „Schulmädchenreport“ zur besten Sendezeit ins deutsche Wohnzimmer.

Dreißig Jahre später plant der NDR nun eine Fortsetzung: Sina Wolf, mittlerweile Literaturagentin in New York, wird darin erstmals in die Heimat zurückkehren. Nastassja Kinski zögerte, als ihr die Rolle angeboten wurde. Doch Wolfgang Petersen riet ihr zu. „Der Film ist zu einem Mythos geworden“, soll er gesagt haben.

Nastassja, 1961 in Berlin als Tochter des Schauspielers Klaus Kinski und der Schriftstellerin Ruth Tocki geboren, verbrachte ihre Kindheit an den Drehorten des exzentrischen Vaters. „Es gab immer viele Küsse und Zärtlichkeiten“, erinnert sie sich später. Dann lassen die Eltern sich scheiden, Nastassja zieht zur Mutter. Der Kontakt zum Vater bricht ab. Dennoch nimmt Nastassja Aglaia Nakszynski, wie sie damals noch hieß, später dessen Künstlernamen an.

In einer Münchner Disko entdeckt, stand sie 1975 in Wim Wenders „Falsche Bewegung“ erstmals vor der Kamera. Später glänzte sie in Roman Polanskis „Tess“ (1979) und an der Seite Herbert Grönemeyers in Peter Schamonis „Frühlingssymphonie“ (1983). 1984 heiratet sie den vierzehn Jahre älteren Geschäftsmann Ibrahim Moussa. Als sie 1991 nach Los Angeles zum Musikproduzenten Quincy Jones zieht, entbrennt ein bitterer Streit um die beiden gemeinsamen Kinder. Moussa schaltet Interpol ein, versucht, die Kinder nach Ägypten zu entführen. Der Stern der Schauspielerin sinkt. Heute ist sie vor allem in Fernsehproduktionen zu sehen – und in Filmen, die es nie ins Kino schaffen. Doch zwei ihrer Rollen bleiben unvergessen, beide unter der Regie von Wim Wenders: als Peepshow-Tänzerin Jane („Paris, Texas“) und als ätherisch entrückter Erzengel Raphaela („In weiter Ferne, so nah!“). Verführerin und Heilige – schon als Sechzehnjährige wurde „Nasti“ darauf festgelegt. Sie hat sich bis heute nicht davon erholt. Sebastian Handke

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