Nationale Akademie : Geballtes Wissen

Es ist vollbracht: Endlich hat Deutschland eine Nationale Akademie der Wissenschaften. Die Leopoldina hat die große Chance, zur Stimme der Vernunft im Gewirr der Interessen, Meinungen, Ideologien und Gefühlslagen zu werden.

Hartmut Wewetzer

Klimawandel, Kernkraft, Gentechnik, Stammzellforschung, Pisa-Schock – die Politik beschäftigt sich mittlerweile mit vielen Themen, die mit Wissenschaft und Forschung eng verknüpft sind. Oder sie muss sich mit Fragen beschäftigen, bei denen wissenschaftlicher Rat erwünscht und erforderlich ist, wie der Überalterung, der Gefahr neuer Epidemien oder der Zukunft der Energieversorgung.

Nicht selten fallen politische Entscheidungen jedoch nach anderen Maßstäben als denen, die wissenschaftliche Rationalität vorgibt. Das kann sich nun ändern. Denn seit gestern hat Deutschland eine Nationale Akademie der Wissenschaften. So wie Amerikaner, Franzosen und Briten seit langem. In den Rang der Nationalakademie wurde die Leopoldina in Halle erhoben, eine seit 355 Jahren bestehende Gelehrtengesellschaft. Jahreslanges Hickhack und Eifersüchteleien der Regionalakademien untereinander sind damit – hoffentlich – beendet.

Das zersplitterte deutsche Wissenschaftssystem hat nun eine international sichtbare Adresse, und was viel wichtiger ist: Die Nationale Akademie/Leopoldina hat die große Chance, zur Stimme der Vernunft im Gewirr der Interessen, Meinungen, Ideologien und Gefühlslagen zu werden. Immerhin soll die Akademie zur wichtigsten wissenschaftlichen Beraterin der Bundesregierung werden.

Wenn es allein um die Kraft der Argumente geht, braucht einem um den Einfluss der Akademie nicht bange zu sein. Es wäre allerdings naiv, zu glauben, nun würde ein Zeitalter der Aufklärung beginnen. Eher geht es darum, gesichertes Wissen stärker als bisher zur Grundlage von Entscheidungen zu machen.

Um ein Beispiel zu nennen: In der Pflanzenforschung hat sich die Gentechnik als wichtiges Werkzeug erwiesen. Die Pflanzen-Biotechnik erleichtert und beschleunigt die Züchtung, etwa von Getreide, das bessere Erträge liefert, in Trockenheit überlebt oder umweltverträgliche Energie liefert.

Doch verhindern bürokratische Regelungen in Deutschland wie Europa die Entwicklung der grünen Gentechnik. Angesichts von gestiegenen Lebensmittelpreisen, Energieknappheit und klimatischen Veränderungen ist das eine bedenkliche Entwicklung. Hier könnte die Akademie die Sicht der Wissenschaft einbringen.

Ein weiteres aktuelles Beispiel ist die heftige Debatte um die Zukunft der Kernenergie, um ihr Für und Wider – auch hier kann eine Akademie sagen, was aus Sicht der Wissenschaft sinnvoll ist. Entscheiden muss die Politik. Und selbstverständlich kann es dabei nicht um eine neue Form von Wissenschaftsgläubigkeit gehen. Das Votum der Akademie muss unabhängig nach allen Seiten sein.

Bisher standen die deutschen Wissenschaftsakademien eher in dem Ruf, Honoratiorenrunden verdienter Wissenschaftler ohne rechten Daseinszweck zu sein. Das ist ein Vorurteil, das die Leopoldina nun widerlegen soll. Kann sie doch zeigen, dass sie nicht nur eine glorreiche Vergangenheit, sondern auch eine leuchtende Zukunft hat.

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