Nato-Einsatz in Libyen : Eine politisch-militärische Punktladung

Nur mit Hilfe der Nato konnte sich die libysche Bevölkerung aus der Herrschaft der Öldespoten befreien. Noch wichtiger ist aber: Der Einsatz hat den Menschen zu einem neuen Selbstbewusstsein verholfen.

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Ohne die Nato hätten sie es nicht geschafft - die Rebellen nehmen den Sieg trotzdem als ihren eigenen wahr.
Ohne die Nato hätten sie es nicht geschafft - die Rebellen nehmen den Sieg trotzdem als ihren eigenen wahr.Foto: AFP

Der furiose Endspurt von Tripolis fasziniert die Welt. Innerhalb weniger Tage hoben die Rebellen jetzt auch in der libyschen Hauptstadt das Gaddafi-Regime aus den Angeln. Der verbrecherische „Bruder Führer“ ist auf der Flucht, seine Söhne abgetaucht, die paranoide Festung Bab al-Azizia mit ihren fünf Betonringen um das Zelt des Beduinenoberst herum nur noch ein rauchende Ruinenlandschaft. Der Arabische Frühling hat seine nächste Hürde genommen, auch wenn der hart errungene Umsturz in Libyen um so vieles blutiger und brutaler war, als bei seinen Vorgängern Tunesien und Ägypten. Tausende sind gestorben, Zehntausende verwundet, Misrata liegt in Trümmern, die umkämpften Viertel in Tripolis sind verwüstet, die Fernwasserversorgung des Landes beschädigt und Ölterminals in Flammen.

Sechs Monate haben die Rebellen mit heroischem Mut gekämpft, auch wenn ihnen der Sieg ohne die Unterstützung der Nato wohl nicht gelungen wäre. Immer mehr Details kommen nach der Offensive gegen Tripolis zum Vorschein, die zeigen, wie umsichtig das westliche Militärbündnis nach der Resolution 1973 des UN-Sicherheitsrates operiert hat. Die Koordination der Angriffe aus der Luft und am Boden funktionierte nach anfänglichen Pannen reibungslos. Die westlichen Trainer in den Lagern der Nafusaberge nahe Tunesien haben innerhalb weniger Monate aus rund tausend jungen Freiwilligen eine Art Offizierskorps geformt, das beim Marsch nach Tripolis das disziplinierte Rückgrat der Kampfeinheiten bildet. Parallel dazu wurden die Rebellen durch arabische Waffenlieferungen soweit aufgerüstet, dass ihre Feuerkraft am Ende den Gaddafis Eliteeinheiten gewachsen war. Anfangs hatten die Nato-Raketen im März vor den Toren von Benghazi eine mörderische Katastrophe verhindert. Anschließend wurden die Eliteeinheiten Gaddafis über Monate mit mehr als 7500 Luftangriffen systematisch zermürbt. Und trotzdem ist den Rebellen am Ende das Gefühl nicht genommen, dass es ihr eigener Sieg ist über ihr eigenes, verhasstes Regime. Für einen internationalen Kriegseinsatz, der immer das hohe Risiko von Eskalation und katastrophalen Fehlern in sich birgt, eine bemerkenswerte politisch-militärische Punktlandung.

Schicksalstage in Sirte
Am Mittwochabend (12.10.2011) verkündete der Nationale Übergangsrat in Tripolis, dass der Sohn des langjährigen Machthabers, Mutassim Gaddafi, während der Kämpfe in Sirte in die Hände der Aufständischen gefallen sein soll.Weitere Bilder anzeigen
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12.10.2011 23:51Am Mittwochabend (12.10.2011) verkündete der Nationale Übergangsrat in Tripolis, dass der Sohn des langjährigen Machthabers,...

Das libysche Volk aber hat sich nun als dritte arabische Nation seinen Weg in die Freiheit erkämpft. Gerade noch rechtzeitig, wenn man bedenkt, dass dem Land in drei Jahrzehnten das Öl ausgehen wird. Die jungen Aufständischen mit ihren Familien werden diesen Tag noch erleben. Und ihnen war klar, dass unter der korrupten Gaddafi-Despotie dieser komplexe Wechsel in die Zukunft nicht zu schaffen ist. Die Hälfte des libyschen Erdöls ist bereits verpulvert. Und immer noch sehen weite Teile des ölreichsten Landes auf dem afrikanischen Kontinent aus wie ein Armenhaus. Straßen und Wohnhäuser, Flughäfen und Busbahnhöfe, Kliniken und Schulen – alles ist in einer unfassbaren Weise verkommen. Ganz anders die Bevölkerung: Sie hat unglaublichen Elan und Opfergeist bewiesen, um endlich den Despoten und seiner Familie abzuschütteln.

Natürlich wird auch in Libyen irgendwann der Siegesjubel verklingen und die üblichen Konflikte wieder in den Vordergrund treten – zwischen Westteil und Ostteil, Stämmen und Zentralregierung, Religiösen und Säkularen. Im Schatten der Diktatur jedoch ist eine junge Bevölkerung herangewachsen, von denen so manche im Ausland studiert haben und die gerüstet scheint, mit den Herausforderungen fertig zu werden. Libyen wird nicht zerbrechen. Libyen wird nicht in Chaos und Bürgerkrieg versinken. Libyen aber wird ganz von vorne anfangen müssen. Jedes Gesetz muss neu geschrieben, jede staatliche Institution neu aufgebaut, das ganze politische Leben im Land komplett neu erschaffen werden. Der gesellschaftliche und politische Flurschaden der Gaddafi-Despotie ist gewaltig. Dennoch kann es das libysche Volk schaffen, sich von einer Gesellschaft aus ohnmächtigen Untertanen und mentalen Ölrentnern und in eine moderne Demokratie und Volkswirtschaft zu entwickeln.

 

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