Nato-Gipfel : Am Rand der Blamage

Der Widerstand gegen den neuen Nato-Chef Rasmussen zeigt: Die Türkei schreckt nicht davor zurück, bei ihren westeuropäischen Partnern anzuecken.

Susanne Güsten / Istanbul

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat sich in den vergangenen Monat nicht viele neue Freunde in Europa gemacht. Zuerst sorgte er beim Weltwirtschaftsforum in Davos für Schlagzeilen, indem er eine Podiumsdiskussion mit dem israelischen Präsidenten Schimon Peres verließ. Und jetzt brachte er durch seinen langen Widerstand gegen den dänischen Ministerpräsidenten Anders Fogh Rasmussen die Nato an den Rand eine Blamage.

Hinter der türkischen Kraftmeierei steckt zum einen die Gewissheit, sich auf die USA verlassen zu können. Die westliche Führungsmacht braucht mehr denn je ein gutes Verhältnis zu Ankara, sei es beim Truppenrückzug aus dem Irak, sei es im Afghanistan-Konflikt. Nicht von ungefähr wählte Präsident Barack Obama die Türkei als eine Station seiner ersten größeren Auslandsreise. Die in den vergangenen Jahren begonnene Vermittlertätigkeit im Nahen Osten – wie bei der Anbahnung der indirekten Gespräche zwischen Israel und Syrien – trägt ebenfalls zum gestiegenen türkischen Selbstbewusstsein bei.

Das forsche Auftreten der Türkei auf der internationalen Bühne hat daneben einen europapolitischen Aspekt. Nach der mehrmals und überdeutlich bekundeten Ablehnung ihres EU-Beitrittswunsches durch Frankreich und Deutschland fühlt sich die Türkei von taktischen EU-Überlegungen befreit. Noch vor einigen Jahren hätte sich Ankara in Angelegenheiten wie Rasmussens Kandidatur womöglich vorsichtiger verhalten, um EU-Staaten wie Dänemark und Deutschland nicht zu verärgern. Heute spielt das in der türkischen Außenpolitik keine wichtige Rolle. Da bei der EU derzeit ohnehin nicht viel zu holen ist, muss Ankara auch keine große Rücksicht nehmen, lautet die Überlegung. Andere Aspekte der türkischen Außenpolitik, wie die angestrebte größere Rolle im Nahen Osten, haben Vorrang. Auch wenn dies wie im Fall Rasmussen die Beziehungen zu Westeuropa belastet.

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