Meinung : Natobündnis: Die Treue und der Beweis

Der Bündnisfall. Schwer legt sich dieses Wort auf Deutschland. Natürlich stehen wir an der Seite der Amerikaner. Wir haben den Angriff auf New York instinktiv als Angriff auf unsere gemeinsame Kultur und Lebensweise begriffen. Aber müssen wir deshalb in den Krieg ziehen, den Präsident Bush ausgerufen hat - gegen einen Gegner, den niemand kennt, weil er aus dem Dunkel angreift? Und uns damit selbst zur Zielscheibe machen: Deutschland, das nach dem Krieg lernte, einfühlsam und hilfsbereit mit den meisten Konfliktparteien umzugehen, sodass es trotz seiner Wirtschaftsmacht nie zu einem Feindbild wurde wie die USA.

Zum Thema Online Spezial: Terror gegen Amerika
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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA
Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Deutschland ist nicht im Krieg. Es wurde auch nicht der nationale Verteidigungsfall ausgerufen. Es gibt in der Allianz keine Automatismen, dass wir jetzt alles mitmachen, was die Amerikaner für richtig erachten. Jedes Nato-Mitglied entscheidet souverän über seinen Beitrag. Deutsche Militäraktionen muss eine Mehrheit des Bundestages beschließen.

Aber das Land muss nun überlegen, was aus den zwei Mantras der jüngsten Tage praktisch folgt: Dies ist, erstens, ein Angriff auf uns alle, wir stehen unverrückbar an Amerikas Seite. Zweitens, wir werden den Kampf gegen den internationalen Terrorismus gemeinsam führen. Waren das nur leere Worte? Das würde Amerika in dem Glauben bestärken, Europa spitze zwar gern die Lippen, pfeifen müssen jedoch die USA alleine.

Mit dem Bündnisfall haben die Nato-Staaten das erste Bekenntnis politisch umgesetzt. Und das zweite, die Taten? Das weckt Unbehagen in Deutschland - Misstrauen, dass Amerika in seinem Schmerz und Zorn überreagiert. Verteidigen wollen sich die Europäer. Vergeltung jedoch, Rache gar an den Tätern, ihren Helfershelfern und womöglich an Staaten, die ihnen Unterschlupf gewährt haben? Man möchte mitreden, damit es keine Unschuldigen trifft. Und man braucht Legitimität: Beweise für die Täterschaft, ehe zugeschlagen wird, sowie eine begründete Aussicht, dass Militäraktionen die Gefahr verringern und nicht neuen Terror provozieren. Nicht zuletzt demokratische Legitimation: Der Bündnisfall wurde ohne Beteiligung des Parlaments erklärt. Die Abgeordneten und die Öffentlichkeit müssen mitwirken an der Entscheidung, was Deutschland zur Ergreifung und Bestrafung der Schuldigen und ihrer Unterstützer beiträgt.

Das ist ein Recht, aber auch eine Pflicht. Manche würden sich gerne wegducken. Im Kosovo-Krieg waren die USA technisch so überlegen, dass die Europäer wie Befehlsempfänger wirkten. Jetzt haben die Amerikaner auch noch die moralische Dominanz: als Opfer. Was können die Europäer da überhaupt beeinflussen? Richtig ist aber auch: Mitreden kann nur, wer mitmacht. Und Solidarität ist keine Einbahnstraße. Im Kalten Krieg hat sich Berlin von den USA, der Nato beschützen lassen. Im Übrigen ist Deutschland direkt betroffen. Das zeigen die Spuren der Attentäter von New York, die nach Hamburg führen. Das zeigt der aktuelle Prozess um den Anschlag auf die Diskothek "La Belle" - der Angriff eines Terrorstaates auf Amerikaner und Deutsche in Berlin.

Schwere Zeiten für die Bundesregierung: Sie wird Taten verteidigen müssen, die sie nicht unbedingt billigt. Um ernst genommen zu werden, muss sie Amerika die Sorge nehmen, sie sage zu Militärschlägen pauschal Nein. Nur dann kann sie klarmachen, dass auch Deutschland berechtigte Interessen hat und nicht zu allem Ja sagen kann. Deutschland muss bündnisfähig sein und Verantwortung übernehmen - umgekehrt aber muss Amerika auf die Verbündeten hören und Maß halten. Ein Bündnis bindet: beide.

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