Nelson Mandela : Nur noch Mythos

Die Lichtgestalt wird 90: Doch bei aller Freude über den heutigen Geburtstag fällt ein Wermutstropfen in den Becher der Euphorie. Nelson Mandelas Nachfolger hat dessen Erbe verspielt.

Wolfgang Drechsler

Weltweit wird heute der 90. Geburtstag eines Mannes zelebriert, der wie kein anderer als Symbol für Frieden und Versöhnung gilt: Nelson Mandela. Der einstige Freiheitskämpfer und erste schwarze Präsident von Südafrika hat wie kein anderer Grenzen überschritten, die zuvor unüberwindlich schienen – und damit in seinem Land, aber auch in vielen anderen Teilen der Welt die Hoffnung geweckt, dass Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Ideologie friedlich zusammenleben können.

Wie sehr die Geschichte oft von Individuen geschrieben wird, haben Nelson Mandela und sein weißer Kontrahent und Partner, Frederik de Klerk, exemplarisch gezeigt: Dass Südafrika nicht, wie in den dunklen Tagen der Apartheid oft prophezeit, in einem blutigen Rassenkrieg versank, hat es vor allem diesen beiden Männern zu verdanken. Mandela hatte dabei den Großmut, nach mehr als 10 000 Tagen Haft keinen Gedanken an Bitterkeit oder Rache zu verschwenden, sondern sein Leben ganz in den Dienst der Aussöhnung Südafrikas zu stellen.

Bei aller Freude über den heutigen Geburtstag fällt dennoch ein Wermutstropfen in den Becher der Euphorie. Längst ist nämlich klar geworden, das selbst Mandela kein politischer Wunderheiler ist, der die immensen Probleme seines Landes, geschweige denn des eigenen Kontinents, mit Handauflegen aus der Welt schafft. Just zu seinem 90. Geburtstag hat der Mythos der Regenbogennation tiefe Risse bekommen. Erst vor wenigen Wochen haben schwarze Südafrikaner schwarze Einwanderer aus anderen afrikanischen Ländern wie Freiwild durch die Townships am Kap gejagt – eine mörderische Kampagne, die dem Ruf des Landes schwer geschadet hat.

Dass sich der regierende ANC derweil in Kleinkriegen zermürbt und führungslos dahintreibt, überrascht weniger. Jahrelang hat Mandela die frühere Widerstandsbewegung, die stets eine breite Kirche war, kraft seiner Autorität beinahe im Alleingang zusammengehalten. Fast über Nacht wird nun sichtbar, wie dünn dieser Leim war – eine Erkenntnis, die die Lichtgestalt Mandelas lange verdeckt hatte.

Dass es nach seinem Rückzug nun so schnell am Kap bergab gegangen ist, liegt aber auch daran, dass Südafrika über Mandela die Pflege seiner demokratischen Institutionen sträflich versäumt hat. Viel zu lange huldigte man am Kap und auch im Ausland stattdessen einem Mandela-Kult. Sicherlich hat dieser Kult um Mandela dazu beigetragen, dass die Südafrikaner ihren Führern heute allzu leicht trauen. Die letzten Jahre haben gezeigt, wohin dies führt. Es ist jedenfalls bedrückend zu sehen, in welchem Maße sein Nachfolger Thabo Mbeki die Gesellschaft am Kap rerassifiziert hat – und dabei das Erbe Mandelas verspielt.

Einen neuen Messias sucht das Land nun vergeblich. Südafrikas Menschen werden lernen müssen, ihren Teil zur Erhaltung der Demokratie zu leisten. Dabei wäre es hilfreich, sich an Mandelas Vermächtnis zu erinnern – und sein Streben nach Versöhnung. Wenn ein solcher Aufbruch gelingt, könnte sich die schwere Zeit, die das Land nun durchläuft, als das Dunkel vor der Morgendämmerung erweisen.

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