Meinung : Neue Liebe zur Anonymität

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Von Dagmar Dehmer

Ihr wichtigstes Ziel hat Verbraucherschutzministerin Renate Künast erreicht: Die „Bild“-Zeitung hat ihre Anti-Teuro-Kampagne nicht gegen die Regierung, sondern gegen den Handel gerichtet. Und bei den Bürgern bleibt hängen, dass sie das einzige Regierungsmitglied war, das die Klagen der Verbraucher über unverhältnismäßige Preiserhöhungen bei der Währungsumstellung ernst genommen hat – ziemlich geschickt. Auch wenn der Anti-Teuro-Gipfel Ende Mai kein großer Erfolg war und weitgehend folgenlos blieb. Und Handel, Gastronomie und Handwerk sich am Mittwoch schließlich rundweg weigerten, mit der Ministerin ein zweites Mal darüber zu sprechen, wie Preistreiberei verhindert werden könnte.

Dass sich gerade Händler so heftig dagegen wehren, dass ihnen die Verbraucher auf die Preise schauen, ist allerdings nicht überraschend. Denn die Preisbildung im Supermarkt folgt nicht gerade marktwirtschaftlichen Prinzipien. Die Regel vom Zusammenspiel zwischen Angebot und Nachfrage, die den Preis steuern, gilt nun gerade im deutschen Lebensmitteleinzelhandel überhaupt nicht. Dort herrscht der schärfste Konkurrenzkampf in Europa.

Die Supermärkte kämpfen um jeden Kunden, und sie tun das vor allem mit niedrigen Preisen. Lebensmittel sind nirgendwo in Europa so billig wie in Deutschland. Das führt dazu, dass der Handel mit vielen Produkten kein Geld verdient und das mit höheren Preisen für weniger beachtete Produkte wieder wettzumachen versucht. Das war auch schon vor der Euro-Einführung so. Allerdings mögen einige Einzelhändler der Versuchung nicht widerstanden haben, die Währungsumstellung zu nutzen, um ohne großes Aufsehen auf breiter Front die Preise leicht zu erhöhen.

Die Wirtschaftsverbände haben das zweite Anti-Teuro-Treffen abgesagt, weil die Verbraucherverbände mit Künasts Unterstützung eine Internet-Seite freigeschaltet haben, auf der Verbraucher ihren Unmut kundtun und „schwarze Schafe“ nennen können. Kein Wunder. Preistreiber bleiben lieber anonym, mit der Nennung im Internet fühlen sie sich an den „Pranger“ gestellt. Aber ist das nicht ein seltsames Argument? Denn was nützt ein Beschwerdeforum, wenn niemand weiß, über wen sich die Verbraucher geärgert haben? Außerdem dürfen die Unternehmen ihre Position sogar vor der Veröffentlichung bereits darstellen.

Die Verbraucher scheinen auf das Angebot nur gewartet zu haben. Am Dienstag ist die Internet-Seite von den Verbraucherverbänden freigeschaltet worden. Bis Mittwochnachmittag verzeichnete sie bereits 160 000 Zugriffe. Das Internet mag nicht der richtige Platz sein, um viele Waren direkt zu verkaufen. Aber viele Verbraucher nutzen das Netz schon lange, um sich über Preise und Angebote zu informieren. Das Internet schafft Transparenz. Und mit dem Euro sollte doch gerade Preistransparenz hergestellt werden. Mit dem Argument, Verbraucher könnten die Preise mittels der Einheitswährung viel leichter sogar europaweit vergleichen, ist der Euro den Bürgern jahrelang schmackhaft gemacht worden. Dass der Handel, der stets zu den Euro-Befürwortern gehört hat, nun ausgerechnet mehr Transparenz fürchtet, ist geradezu lächerlich.

Der Handel tut sich keinen Gefallen, wenn er sich weiterhin verweigert. Denn die Verbraucher werden seine Umsätze erst dann wieder steigern und Geld ausgeben, wenn sich die wirtschaftliche Lage bessert und sie den Händlern wieder glauben, dass die sie nicht abzocken wollen.

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