Neue Nationalgalerie und das Kulturforum : Neue Katastrophalgalerie

Kaum ist die Berlinale vorbei, wirkt das ganze „Kulturforum“ wieder verödet. Berlins Museen brauchen mehr Fantasie und Energie. Ein Kommentar

Peter von Becker
Neue Nationalgalerie in Berlin.
Neue Nationalgalerie in Berlin.Foto: dpa

Da liegt die Stätte einst’ger Freuden öd und leer. So heißt’s, mit allerlei Varianten, in Volksliedern und Gedichten, treffend auf manchen Ort. Und dieser Tage gilt es besonders für Berlins Neue Nationalgalerie.

Das 1968 eingeweihte Spätwerk des Architekten Mies van der Rohe ist eine architektonische Ikonen nicht nur in Berlin, sondern überhaupt in Deutschland seit 1945. Nun, nach über 45 Jahren Nutzung, wird das Haus der klassischen Moderne im Inneren restauriert und modernisiert. Das ist den deutschen (mindestens Berliner) Feuilletonlesern und internationalen Fachleuten bekannt, es steht auch im Internet. Aber nicht jeder der vielen Berlin-Besucher aus aller Welt wird es wissen. Und auch mancher schlicht Neugierige will vielleicht einen Blick werfen auf und in den gläsernen Mies-Bau, möchte gar sehen, was sich im Inneren jetzt wohl tut.

ZU - das ist ehrlich

Drinnen aber ist es dunkel, und sichtbar tut sich schon wochenlang nichts. Insofern gleicht die Nationalgalerie einer typischen Berliner Baustelle. Allerdings gibt es neuerdings an der vorderen Glasfront zwei haushoch angeklebte Buchstaben, in Versalien: ZU. Ein schmaleres, viel kleineres horizontales Klebeband verkündet einmal deutsch, einmal englisch: „Wegen Sanierung geschlossen“.


ZU. Das ist ehrlich, soll wohl auch emphatisch-lakonisch klingen. Wirkt indes: schal und trostlos. Denn ZUdem kein Wort der Hoffnung, keine Information zur Wiedereröffnung. Vielleicht geniert man sich ja, weil diese erst für 2020 geplant ist, und sich zumindest Baulaien fragen könnten, warum ein in einstmals drei Jahren neu errichtetes Haus heute einer fünfjährigen Sanierung bedarf. Aber das fragt man sich ohnehin bei jeder zweiten Berliner Baufälligkeit, von der „Sanierung“ eines kurz vor der Eröffnung stehenden Großflughafens ganz abgesehen.
Dennoch liegt der Vergleich nicht so fern. Auch in Schönefeld, wo täglich Tausende Besucher landen und zu Fuß erstmal durch Wind und Wetter und nach der Piste über kahle Betonkorridore treppauf, treppab wie durch das Empfangsszenario eines nordkoreanischen Provinzflughafens geschleust werden, auch in Schönefeld gibt es keinen informativen Willkommensgruß. Nichts, was in London oder New York (zwei durchaus rauen Städten) selbstverständlich wäre. Kein: „Wir bauen nebenan Berlins neuen, schönen Hauptstadtflughafen mit schneller Verkehrsverbindung in die City. Bis zur Eröffnung bitten wir Sie, die Unannehmlichkeiten des alten Flughafens zu entschuldigen. Berlin und Brandenburg können auch anders!“

Es ist eine Ausrede, die keiner begreift

Keine Werbung: um Verständnis – und für die eigenen besseren Seiten. Das gilt genauso für Berlins Staatliche Museen. Kaum ist die Berlinale vorbei, wirkt das ganze so genannte „Kulturforum“ zwischen Neuer Nationalgalerie und Potsdamer Platz wieder verödet. Statt auf dem Mittelstreifen der Potsdamer Straße die eben noch für Festivalstarporträts attraktiv genutzten Poster-Ständer nunmehr mit spektakulären Motiven der Staatlichen Sammlungen zu bestücken: Fehlanzeige, wie jedes Jahr. Alles abgebaut. Und an Stelle des tristen Klebebands ist an der gesamten umlaufenden Front der Neuen Nationalgalerie kein einziger Hinweis auf das Schatzhaus nebenan zu finden. Nichts lenkt den Blick auf die am Kulturforum gleich um die Ecke, aber irrsinnig versteckt gelegene Gemäldegalerie – mit den tollsten Alten Meistern. Berlins Uffizien!


Die Indolenz der sonst so verdienstvollen Stiftung Preußischer Kulturbesitz, des Trägers der Staatlichen Museen, ist an diesem Punkt oft genug beklagt worden. Doch warum ändert sich nichts? Trotz zuletzt sinkender Besucherzahlen! Gerade jetzt, da Attraktionen wie der Pergamon-Altar oder eben die Neue Nationalgalerie wegen ihrer Sanierung auf Jahre verschlossen sind, wären ein inszenatorischer Fantasieschub und ein spürbarer Energieruck nötig. Doch da sagt Michael Eissenhauer, der Berliner Museums-Generaldirektor, jüngst im Tagesspiegel-Interview: Wer zur Neuen Nationalgalerie komme, habe halt „nur geringe Neigung“ auch mal „in die Gemäldegalerie zu gehen“. Das heißt im Klartext: Wer sich für Kandinsky, Kirchner, Picasso interessiere, der wolle keinesfalls Botticelli, Caravaggio, Dürer, Rembrandt oder Watteau mit deren grandiosen Meisterwerken sehen!
Das ist natürlich blühender Unsinn – und jemand wie Eissenhauer weiß das selber besser. Es ist eine Ausrede, die keiner begreift. So wenig wie das banale Faktum, dass die Gemäldegalerie als Weltmuseum bis heute keine wenigstens zweisprachigen Bildlegenden kennt. Also alle mal: AUF!

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