Meinung : Neue Volkswirtschaftslehre

Studiengebühren sind richtig, solange sie den Universitäten zu Gute kommen

Robert Leicht

Zwanzigtausend Studenten – von zwei Millionen – haben gegen Einführung von Studiengebühren demonstriert: kein massenhafter Protest! Offenbar spürt die Mehrheit der Studenten, dass Studiengebühren zwar ärgerlich sein mögen, dass aber auch etwas dran sein könnte. Andererseits wünschte ich mir, dass sehr viel mehr Studenten auf die Straße zögen (und eine Menge weiterer Bürger dazu) – und zwar dagegen, dass unsere Politiker das Thema Studiengebühren nur als finanzielle Flickschusterei traktieren, nicht aber als dynamisches Element einer fundamentalen Universitätsreform.

Nicht anders als bei der Gesundheitsreform, der Rentenreform, der Steuerreform: Die regierenden Politiker aller Couleurs doktern bloß an den Symptomen herum. Sie haben nämlich Angst vor den Patienten, den Wählern. Die wiederum haben Angst vor den Wehen einer wirklichen Gesundung. Die Opposition wiederum wird von der Angst geplagt, sie würde in Wahlen untergehen, wenn sie sagte (oder auch nur wüsste), wie sie eigentlich regieren wollte.

Also, die Studiengebühren: Solange sie bloß erhoben werden, damit die Finanzminister ihre Zuweisungen an die Universitäten kürzen können, bleiben sie ein rostiger Notnagel in einer morschen Wand – und die Universitäten rosten weiter vor sich hin, abzüglich einiger Langzeitstudenten (24 Semester plus), die auf der Uni gar nicht erscheinen, sondern nur ihr billiges Semesterticket behalten wollen. Erst wenn Studiengebühren als Steuerungsinstrument in ein großes Reformprogramm eingebaut werden, ergeben sie einen Sinn. Hier die Hauptsätze eines solchen Programms:

Erstens: Die Studenten suchen sich die Hochschule aus, an der sie studieren – und zur Belohnung ihre Gebühren entrichten wollen. Die Hochschulen suchen sich nach ihren eigenen Ansprüchen jene Studenten aus, die sie unterrichten wollen. Gute Hochschulen bekommen mehr Studiengebühren und können sich weiter verbessern. Begabte Studenten bekommen die besten Studienplätze und können sich weiter verbessern. Der Wettbewerb zwingt Hochschulen wie Studenten, ihr Bestes zu geben: sich zu bessern oder sich zu bescheiden.

Zweitens: Ein nationaler Studentenfonds sorgt durch Kredite dafür, dass kein begabter junger Mensch aus Geldmangel auf ein Studium verzichten muss. Wer dank eines guten Studiums später ein entsprechendes Einkommen erzielt, zahlt dann – nur dann! – seinen Kredit in zumutbaren Raten an den Fonds zurück.

Was sollte dagegen sprechen? Weshalb sollen alle Steuerzahler – auch diejenigen, die weder selber, noch deren Kinder je studieren konnten – für die verbesserten Einkommenschancen der Elite aufkommen? Jeder, der eine bessere Rendite erwartet, muss stärker investieren – und sei es auf Kredit. Weshalb nicht auch spätere Akademiker? Warum sollen die Studenten keinen direkten Einfluss auf die Qualität der Hochschule haben, indem sie zu den guten Unis ziehen, die schlechten aber meiden? Weshalb sollen die Hochschulen keinen direkten Einfluss auf die Auswahl ihrer Studenten haben? Die Mühen der Auswahl werden durch die Freuden des lebhafteren Unterrichts mehr als ausgegliche …

All diese Argumente ließen sich noch verfeinern und zuspitzen. Worauf es aber grundsätzlich ankommt, ist der Protest dagegen, dass die Politik – ähnlich ihren anderen mutlosen Flickschustereien – das Thema Studiengebühren nur als eine neue Steuer betrachtet, nicht aber als ein neues Steuerungsinstrument, dass sie nur alte Löcher stopft, statt neue Horizonte aufzureißen. Dagegen würde ich sogar mit meinen Studenten auf die Straßen ziehen – wenn auch sie wirklich für etwas mehr protestieren würden, als nur gegen etwas mehr Geld.

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