Meinung : Neuer Markt: Die New Economy ist nicht tot

Die New Economy lebt. Aber viele Menschen behaupten jetzt das Gegenteil. Der Einbruch der Technologiebörsen in Europa und USA und Warnungen vor einer möglichen Rezession der Weltwirtschaft waren Auslöser der Resignation: Die New Economy sei ein Mythos, heißt es heute. Kleinanleger bezichtigen ihre Vermögensberater der Lüge, Startup-Angestellte rufen nach gewerkschaftlicher Organisation. Die Kapitalismuskritiker aller Länder sind beruhigt; denn sie müssen ihr Weltbild nun doch nicht ändern. Nicht nur die exorbitanten Kurse an den Technologiebörsen, auch der daran gekoppelte Hype des Neuen, Jungen, Schönen und Reichen zerplatzt zur Zeit wie eine Blase.

Aus Spekulanten werden Apokalyptiker. Aber alle, die den Tod der New Economy verkünden, atmen kurz. Sie argmentieren heute nicht minder augenblicksverfallen wie sie noch vor Monaten risikoloses Reichwerden versprachen. Wahr an der ganzen Aufregung ist freilich eines: Die Konjunktur kühlt merklich ab. In Amerika mehr, in Europa weniger. Ob die Landung weich oder hart, ob also das Wachstum in USA im Jahr 2001 eher bei zwei oder bei drei Prozent liegen wird, kann niemand mit Sicherheit sagen. Die Finanzminister der europäischen und asiatischen Staaten haben am Sonntag im japanischen Kobe deutlich gemacht, dass ein abrupter Einbruch der US-Konjunktur auch für Asien ziemlich ungemütlich würde. Selbst die Bullen an den Börsen wagen keine Aussagen darüber, ob die Ruhe an den Aktienmärkten zum Schluss der vergangenen Woche schon die Wende signalisiert. Möglich ist sogar ein stärkerer Einbruch, da offenkundig viele Firmen mit einem besseren Wachstum gerechnet haben und jetzt feststellen, dass sie volle Läger und zu viel Personal haben.

Das beweist: Sollte jemand behauptet haben, die New Economy setze den Konjunkturzyklus außer Kraft, so war das falsch. Und sollten einige schicke neue Firmen ihren Anteilseignern eine Zeitlang vorgemacht haben, dass es besonders clever und der Kurspflege förderlich sei, kein Geld zu verdienen, so wird jetzt offenbar, dass jede Spekulation an der Börse auf Dauer eine profitable Basis im Unternehmen braucht. Die New Economy ist eben kein Kasino-Kapitalismus - sondern sie basiert schlicht auf alter Ökonomie.

Solche Klarstellungen tragen dazu bei, den Blick für die nachhaltigen Errungenschaften der New Economy zu schärfen. Und die sind gewaltig. Man wird sie freilich nicht am kurzfristigen Konjunkturzyklus, sondern am langfristigen Trend des Wachstums ablesen. Nicht augenblickliche Schwankungen von Angebot und Nachfrage, sondern der lange Atem der wirtschaftlicher Produktivität ist maßgeblich. Und hier weisen alle Zahlen darauf hin, dass die Erfindungen von Computer, Internet und Telekommunikation sich jetzt auszahlen. Computer, Internet und Telekommunikation machen es möglich, dass die Qualität aller Produkte und Dienstleistungen sich verbessern bei gleichem Einsatz von Kapital und Arbeit. Während von Mitte der siebziger bis Mitte der neunziger Jahre der Produktivitätsfortschritt eher schwach war, zieht seither das Tempo merklich an. Weil aber Produktivität den Verteilungsspielraum der Arbeitseinkommen bestimmt, wird der beschleunigte Wachstumstrend auch den Lebensstandard der Menschen verbessern. Die IT-Revolution zahlt sich aus.

Man hätte diese Entwicklung ohne Statistik voraussehen können, wäre man früher schon auf die Parallele zur ersten industriellen Revolution aufmerksam geworden. Erfindungen wie Eisenbahn, Telegraf oder Automobil haben die technische Basis dafür gelegt, dass das Leben vieler Menschen im 20. Jahrhundert angenehmer verlief als zuvor. Daran ändert nichts, dass viele Eisenbahngesellschaften oder Automobilfirmen bald wieder Konkurs anmeldeten. Noch nicht einmal der Börsenkrach der 30er Jahre hat diesen langfristigen Trend behindert. Käme es heute nicht zur weichen Landung, sondern zu einer Rezession, wäre dies gewiss schlimm, aber kein Beweis gegen die New Economy. Im Gegenteil: Wird eine Rezession vermieden, was die meisten Ökonomen glauben, wäre das der Erfolg einer guten Geld- und Finanzpolitik. Denn die New Economy lebt. Unabhängig vom Konjunkturzyklus.

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