Neuer Pontifex : Das Spektakel ist vorbei

Es ging schnell, was auf Einigkeit deutet: Der neue Papst nennt sich Franziskus. Er ist der erste Lateinamerikaner - ein starkes Signal! - und der erste Jesuit auf dem Stuhl Petri. Und doch: Es ist eine Wahl mit halbem Mut.

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Der neue Papst Franziskus I.
Der neue Papst Franziskus I.Foto: Reuters

Der erleichterte Seufzer heißt: Endlich. Aber nicht, weil das Warten ein Ende hat, sondern das Spektakel. Die Hyperventilation. Jene Aufgeregtheit, die ober- wie unterflächlich um Riten, Kleidung, Geheimnisse, Personalspekulation, Intrigen, Gerüchte und Zeremonien kreiste. Vielleicht liebt all das der in die Transparenz vernarrte Zeitgeistler, dieses so Andere, diese mystische Spiritualität. Jedenfalls ein paar Tage lang. Doch Blitzlichtgewitter sind manchmal das Gegenteil von Erleuchtung.

Nun gibt es einen neuen Papst, Jorge Mario Bergoglio, den 76-jährigen Erzbischof von Buenos Aires. Er ist der erste Jesuit auf dem Stuhl Petri und, was noch wichtiger ist, seit mehr als tausend Jahren einer, der nicht aus Europa stammt. Der Anteil der Katholiken in Lateinamerika ist so hoch wie auf keinem anderen Kontinent. „Franziskus“ nennt er sich. Das steht für Bescheidenheit, Armut, sozialen Ausgleich und Tierliebe. Dass sich das Konklave relativ rasch auf ihn verständigen konnte, deutet auf ein hohes Maß an Einigkeit hin. Doch erneut, wie schon beim heutigen Papst Emeritus, dem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger, drängt sich aufgrund des hohen Alters der Eindruck auf, dass ein Übergangs-Papst gefunden werden sollte. Eine Wahl mit halbem Mut.

Argentinier Jorge Mario Bergoglio ist neuer Papst
Es ist das Symbol des Tages: Weißer Rauch steigt um kurz nach 19 Uhr auf - das Zeichen dafür, dass ein neuer Papst gewählt wurde.Weitere Bilder anzeigen
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13.03.2013 22:19Es ist das Symbol des Tages: Weißer Rauch steigt um kurz nach 19 Uhr auf - das Zeichen dafür, dass ein neuer Papst gewählt wurde.

Die Erwartungsliste an Franziskus ist lang. Das verbindende Zauberwort heißt merkwürdigerweise „Reform“, obgleich die Reformation das Gebäude der katholischen Kirche am nachhaltigsten erschüttert hat. Unter „Reform“ freilich versteht jeder etwas anderes. Die einen möchten die Kirche im westlichen Sinne moderner haben – Stichworte Zölibat, Frauenordination, Verhütung, Homosexualität. Andere, vor allem im Nahen Osten und Asien, müssen sich als Christen der Verfolgung erwehren. In Afrika und Lateinamerika sieht sich der Katholizismus durch protestantische Charismatiker und Evangelikale herausgefordert. Und zuletzt die Kurie, der Machtapparat: In ihn soll schleunigst Ordnung einziehen.

Was Politiker und Geistliche dem neuen Pontifex Franziskus mit auf den Weg geben
Neben Regierungschefs aus aller Welt gratulierte auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) dem neuen Papst Franziskus. Wowereit erklärte, mit der Wahl verbinde sich die Hoffnung auf soziales Engagement für mehr Gerechtigkeit in der Welt und Modernisierungsschritte in der katholischen Kirche.Weitere Bilder anzeigen
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14.03.2013 13:45Neben Regierungschefs aus aller Welt gratulierte auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) dem neuen Papst...

Ist Franziskus der Richtige dafür? Erste Urteile über neue Päpste sind notorisch fehlbar. Von einem frischen Wind kann nur träumen, wer das Windmachen zu den Kernaufgaben des Papstes zählt. Man darf nicht vergessen: Das Konklave bestand aus 115 Kardinälen, 67 davon waren von Benedikt, 48 von Johannes Paul ernannt worden, ihr Durchschnittsalter betrug 72 Jahre. Revolutionäre sind nicht dabei. Außerdem sieht die Welt, vom Vatikan aus betrachtet, sehr speziell aus. Das katholische Christentum wächst in Afrika und Asien, von dort kommt die Erneuerung. Die alten, weißen, europäischen Männer dienen langsam aus.

Nicht Reformen vieler in der Tat überkommener Traditionen stehen auf der Agenda des neuen Papstes ganz oben, sondern die Stärkung der katholischen Gemeinschaft und die Bewahrung ihrer Einheit. Falls Franziskus das gelingt, wird der Glaube daran, dass das Heil mitunter doch noch von Oben kommt, revitalisiert. Die katholische Repräsentanz in all ihrer Pracht hat Gläubige in den vergangenen Jahren oft kalt gelassen. Wer Wärme suchte, fand sie allenfalls im Glauben selbst. Dieser Evangelisierung des Katholizismus leistete auch der Wort-Papst Benedikt unfreiwillig Vorschub. Sein Nachfolger wird mit einfacher, gewinnender Klarheit versuchen, der Lehre wieder neue Kraft zu geben. Einen Vorgeschmack darauf gab der neue Pontifex mit seiner schlichten Geste, mit der er sich den 1,2 Milliarden Katholiken vorstellte. Das Spektakel ist vorbei, der weiße Rauch hat sich verzogen. Es kann nun wieder um Glaubensdinge gehen.

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