Neuer Standort : Berlin braucht einen Johannes-Paul-II.-Platz

Karol Wojtyla war ein Mann der Freiheit - er wandte sich entschieden gegen den Kommunismus wie zuvor gegen den Nationalsozialismus. Der polnische Papst war fortschrittlicher, als wir wahrhaben wollen. Ein Gastkommentar.

Benedikt Lux
Benedikt Lux ist Anwalt und innenpolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus.
Benedikt Lux ist Anwalt und innenpolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus.Foto: privat

Ein Ort in Berlin soll nach Johannes Paul II. benannt werden. In Berlin? Wo nicht mal jeder Zehnte katholisch ist? Mir fiel es schwer, diesen Vorschlag ernst zu nehmen. Doch als ich nicht nur mein Gefühl befragte, sondern die bewährte Pro- und Contra-Liste erstellte, kam ich zu einem anderen Ergebnis.

Aber von vorne: Als junger Mensch aus katholischem Haus war Johannes Paul II. einer der Menschen, für die ich mich in meiner Jugend am meisten schämte – und doch konnte ich mit ihm nie ganz brechen. Der Heilige Stuhl ist in Sachen Frauenrechte und Sexualität ein Schurkenstaat, immer fest an der Seite des Iran der Mullahs. Junge katholische Menschen in Berlin hatten es schwer. Unermüdlich musste ich versichern: „Ja, ich bin katholisch, aber ich würde auch – geschützten – Sex vor der Ehe haben. Ja, Frauen sollen auch Priester werden. Nein, Homosexualität ist keine Sünde, sondern Liebe. Stimmt, das Kondomverbot in Afrika ist indirekt verantwortlich für Millionen Tote. Ja, das Zölibat ist eine Geißel für gläubige Männer.“ Kurz: Die katholische Kirche ist in vielen gesellschaftlichen und politischen Fragen keine Autorität – sie ist eher zum Verzweifeln.

Andererseits, ob geistlicher oder weltlicher Führer – sie alle sind an den Zeitgeist gebunden. Willy Brandt wird heute zu Recht verehrt, trotz Atomkraft und Radikalenerlass. Der Kniefall Brandts war auch eine Geste gegenüber Menschen wie Karol Wojtyla, denn unzählige Polen seines Alters haben unter dem Nationalsozialismus gelitten. Und Wojtyla war stets ein Mann der Freiheit. Er wandte sich entschieden gegen den Kommunismus wie zuvor gegen den Nationalsozialismus. Er tat dies aus einer unerschütterlichen Glaubensüberzeugung, die allen Respekt abverlangt, auch denen die sie nicht teilen. Sein historisches Verdienst liegt darin, den Mut unserer Nachbarn entscheidend verstärkt zu haben. Ob es ohne die Freiheitsbewegungen Osteuropas, ohne sein Zutun die Wiedervereinigung gegeben hätte – wer weiß?

Er war auch Gegner von übertriebenem Liberalismus und Turbokapitalismus – quasi einer der ersten Globalisierungskritiker. Er hat die vom Westen verursachte Ausbeutung und Ungerechtigkeit in den Entwicklungsländern gesehen und beklagt wie kein anderer. Denn Freiheit war für ihn immer verbunden mit Solidarität. Und wie dieser Papst als alter und gebrechlicher Mann den amerikanischen Präsidenten in aller Öffentlichkeit für den Irakkrieg kritisierte – Hut ab!

Dieser Mann war viel fortschrittlicher, als viele seiner Anhänger aus dem rechten und seine Gegner aus dem linken Lager – wie ich einst – wahrhaben wollen. Bewunderung für „JP2“ kam bei mir erst kurz vor seinem Tod auf, als er das Licht der Öffentlichkeit nicht scheute, obwohl er kaum noch Kraft zum Leben hatte. Einen Tag vor seinem Tod sagte er: „Ich bin froh, seid Ihr es auch.“ Damit hat er nicht nur eine persönliche Stärke und Überzeugung an den Tag gelegt, sondern ist bleibendes Vorbild für viele Menschen, die alt oder krank sind.

Nicht die Gesellschaftspolitik der Kirche, sondern unsere Verbundenheit zu Polen, unsere Freiheit und unsere Solidarität mit den Schwachen auf der Welt, das Eintreten gegen Krieg und Gewalt und für den Erhalt unserer Umwelt, legen es nahe, einen Ort in Berlin nach Wojtyla zu benennen.

Der Autor ist Anwalt und innenpolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus.

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