Neues Buch des Ex-Außenministers : Joschka im Schlüpfer

Der Ex-Außenminister hat ein Buch geschrieben. Es ist allein von ihm. Nichts darin ist geklaut. Leider.

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Zwei Bücher haben uns in den vergangenen Wochen beschäftigt. Das eine ist die Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg („Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU“). Das andere stammt von Joschka Fischer („I am not convinced“. Der Irak-Krieg und die rot-grünen Jahre“). Guttenbergs Werk war in weiten Teilen ein Plagiat. Der Fischer dagegen ist wahrlich originell. Echt, authentisch, eigenständig. Nun ist ein Original zweifellos anständiger als eine Kopie. Doch wie es in Deutschland nun mal ist: Wenn man nur die Wahl hat zwischen einer unanständigen, aber gelungenen Kopie und einem anständigen, aber missratenen Original, fällt die Entscheidung schwer.

Doch hören wir einfach mal in das Fischer-Buch rein. Erfreuen wir uns an dessen Sound, diesem unnachahmlichen Klang: „Am Montag klingelte mich das Telefon in meinem New Yorker Hotelzimmer sehr früh aus dem Schlaf. Es war mein Vorzimmer, der Bundeskanzler wünschte mich sofort zu sprechen. Er teilte mir mit, dass er lange hin und her überlegt, nunmehr sich aber endgültig entschieden habe. In dieser für die deutsche Außenpolitik nach dem 11. September zentralen Frage eines deutschen Militärbeitrages in Afghanistan und im Kampf gegen den Terror brauche er unbedingt eine eigene Mehrheit und deshalb werde er die Schlussabstimmung über das Afghanistan-Mandat mit der Vertrauensfrage des Bundeskanzlers nach Artikel 68 des Grundgesetzes (GG) verbinden. Ich war nach diesen Worten des Kanzlers, obgleich noch immer in der Unterwäsche, sofort hellwach.“

Den letzten Satz muss man zweimal lesen, am besten laut. Also: „Ich war nach diesen Worten des Kanzlers, obgleich noch immer in der Unterwäsche, sofort hellwach.“ Das ist ganz großes Kino. In unserer Fantasie kreist die Hotelzimmerszene ein ums andere Mal um dieselbe Information: „Obgleich noch immer in der Unterwäsche“. Das ist von Bedeutung. Normalerweise wird unser Ex-Außenminister (der offenbar keine Schlafanzüge besitzt oder sie auf Reisen manchmal vergisst) erst wach, wenn er keine Unterwäsche anhat (ganz nackt) oder den Anzug direkt über die bloße Haut zieht (im Englischen: to go commando).

Das freilich war erst der Auftakt. Lesen wir tapfer weiter: „Ich hielt an diesem Vormittag zwar noch meine Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen, absolvierte, wie geplant, eine ganze Reihe bilateraler politischer Gespräche am Rande und gab ein Mittagessen für die Außenminister der kleinen Inselstaaten in Ozeanien, Afrika und der Karibik in der deutschen Vertretung, aber in Gedanken und auch am Telefon war ich bereits zurück in Berlin.“

Auch das lässt mindestens so tief blicken wie Fischers Schlüpfer: Der deutsche Außenminister redet vor der Uno – und ist geistesabwesend, er ist Gastgeber – und telefoniert dauernd. Irgendwie kam er einem ja immer so vor: Auch in den Gedanken, die er vortrug, war er bereits woanders.

Und schließlich der Höhepunkt. Hier empfiehlt es sich, den ganzen Absatz langsam und laut vorzulesen, um ein Gespür für die Erhabenheit des Geschilderten zu bekommen: „Ich konnte es in dieser Silvesternacht, wie viele andere auch, kaum abwarten, bis ich das neue Geld in den Händen hielt, und stapfte gegen 1.00 Uhr allein durch den leise rieselnden Schnee zum nächsten Bankautomaten, um meine ersten Euroscheine abzuheben. Ich reihte mich dort in eine Schlange von Wartenden ein, und nach wenigen Minuten war es so weit, ich hielt das neue Geld und damit gewissermaßen Europa in den Händen. ,So einfach (und mit den Händen zu greifen) kann Geschichte also bisweilen sein’, sagte ich mir auf dem Nachhauseweg durch die verschneite Mitte Berlins.“

Halten wir fest: Joschka Fischer wurde zu keiner Silvesterparty eingeladen, oder seine Party war langweilig. Statt sich ins Bett zu legen, „stapft“(!) er durch den „leise rieselnden Schnee“ (das entsprechende Lied muss er eine Woche zuvor gesungen haben), um Geschichte und Europa in Form von Moneten mit den Händen greifen zu können.

Nein, Fischer klaut bei niemandem, alles ist von ihm, die Unterwäsche ebenso wie der leise rieselnde Schnee. Werk und Autor sind eins. Dieses Buch ist politische Bäckerblume vom Allerfeinsten.

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