Neujahrsansprache von Klaus Wowereit : Berlin ist hip - aber was kommt morgen?

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit beschwört Berlins Vielfalt und findet dafür immer neue Superlative. Doch gleichzeitig muss die Stadt hoffen, dass nicht irgendwann die Verschrumpelung beginnt. Einen prominenten Warner gibt es bereits.

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Wowereits Baustellen. Wenn es gut läuft, kann der Regierende in dieser Amtszeit noch große Erfolge feiern.
Wowereits Baustellen. Wenn es gut läuft, kann der Regierende in dieser Amtszeit noch große Erfolge feiern.Foto: dpa

Die Neujahrsansprachen des Regierenden Bürgermeisters sind nicht gerade ein Feuerwerk an Vielfalt. Wie anders dagegen die Stadt, die er repräsentiert – jedenfalls in ihrer Darstellung durch Klaus Wowereit. Im Rückblick auf ein halbes Dutzend vergangener Grußbotschaften sieht die rasende Vervielfaltung Berlins so aus: 2008 nannte Wowereit nur das Berliner Bildungswesen vielfältig, dann sah er immerhin die Stadt von einer Vielfalt der Kulturen geprägt, eine Silvestersause später war die kulturelle Vielfalt schon einzigartig, zum Januar 2012 konnte er endlich eine große Vielfalt überall in Berlin verkünden, vor einem Jahr war diese bereits immer vielfältiger geworden, und diesmal – noch vielfältiger. Wo soll das nur hinführen?

Immer gleich toll ist irgendwann nicht mehr so toll

Wowereits Berlin darf gespannt sein auf den Vervielfältigungssuperlativ für 2015 und muss zugleich hoffen, dass nicht irgendwann die Verschrumpelung beginnt. Hip ist heute – aber was kommt morgen? Immer gleich toll ist irgendwann nicht mehr so toll. Die klarste Warnung vor diesem Effekt kam im vergangenen Jahr, in dem die Vielfalt angeblich noch vielfältiger geworden war, ausgerechnet von einem, der lange als Prototyp des wagemutigen, erfolgreichen Berlinverwandlers hofiert wurde, von Karl-Heinz Müller, dem Chef der Modemesse Bread & Butter. Bezogen auf seine Branche beklagte er, jeder fische in Berlin im gleichen Teich, und auch das Land halte seine Angel überall rein, kaum jemand habe ein klares Profil, jeder spreche jeden an. Er sehe die Gefahr, raunte Müller, dass Berlin beliebig wird.

Also was jetzt, langweiliger, glatter, genormter – oder vielfältiger, immer vielfältiger, noch vielfältiger? Müller macht ein weiteres Phänomen zu schaffen, das zwar besonders die Modewelt treibt, aber auch eine Stadt befallen kann, die zu modisch ist: die Gier nach dem Neuen. Beim ersten Mal ist eine Modemesse in den Hangars eines legendären Flughafens eine exklusive Erfahrung. Spätestens beim zehnten Mal hängen da auch nur ein paar Hosen in zugigen Hallen. Auf Berlin bezogen bedeutet das: Irgendwann werden vielleicht alle Touristen der Welt einmal hier gewesen sein; aber wer kommt ein zweites Mal, um sich den Mummenschanz am Checkpoint Charlie anzusehen oder den Parkplatz, unter dem des Führers Bunker lag?

Wowereit beschwört nicht nur die Vielfalt, sondern auch den Wandel

Wowereit beschwört nicht nur die Vielfalt, sondern auch den Wandel. Dieser sei es nicht zuletzt, „weshalb Menschen aus aller Welt mit so viel Neugierde und Sympathie auf Berlin schauen“. Auf diese Fehleinschätzung hat Berlin schon Anfang der neunziger Jahre seine Olympiabewerbung gestützt – und ist damit zusammengebrochen, selbst damals, als der Wandel noch mit den Händen und einem Meißel zu greifen war. Berlin ist eine tolle Stadt, ja, und der wirtschaftliche Aufschwung ist für hiesige Verhältnisse fast sensationell. Die Stadt wird 2014 den 25. Jahrestag des Mauerfalls feiern, und die Welt schaut dabei zu, das läuft, das läuft gut, das läuft alles fast von allein. Den Flughafen, der einfach nicht fertig werden will, den hat der Regierende Bürgermeister in seiner Ansprache zum ersten Mal seit Jahren nicht einmal erwähnt.

Wenn es gut läuft für Klaus Wowereit, richtig gut, dann wird er in seiner Amtszeit noch den Grundstein legen für seine Landesbibliothek, Richtfest feiern am Schloss, und er wird dann doch noch den Flughafen eröffnen, um den er sich jetzt kümmert wie um nichts anderes sonst. Es werden Höhepunkte sein, für ihn und für die Stadt, die dann nicht mehr immer vielfältiger wird, sondern immer normaler.

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