Neun Jahre danach : USA gedenken der Opfer von 9/11

Amerika ist gespalten – viele sagen: tiefer gespalten als vor 9/11. Nach der Wahl des ersten schwarzen Präsidenten genoss die Nation kurzzeitig das Gefühl, ihre Seele wiedergefunden zu haben. Doch das war nicht von Dauer.

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Was wird aus Ground Zero? Wo ein riesiges Loch klaffte, erwacht neues Leben, wachsen neue Wolkenkratzer in den Himmel.Alle Bilder anzeigen
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11.09.2010 09:46Was wird aus Ground Zero? Wo ein riesiges Loch klaffte, erwacht neues Leben, wachsen neue Wolkenkratzer in den Himmel.

Vor neun Jahren stand Amerika zusammen. Die Trauer und das Entsetzen einten. Auch das Bedrohungsgefühl ließ die Menschen näher aneinanderrücken. Etwas Ungeheuerliches war geschehen: der Angriff auf eine amerikanische Großstadt mit 3000 Toten. Es war ein tiefer Einschnitt, der das Land veränderte. Einerseits wuchsen Wir-Gefühl und Patriotismus. Andererseits verloren die USA einen Teil ihrer Unbekümmertheit und Großzügigkeit. Vor 9/11 konnte man fast überall ungehindert ein- und ausgehen und unkontrolliert selbst über das Gelände von Forschungsinstituten fahren. Nach dem Angriff wuchsen Zäune und Absperrgitter aus dem Boden. An Museumseingängen stehen nun Metalldetektoren und werden Taschen kontrolliert. Amerikaner leben nicht mehr in ständiger Angst vor einem Anschlag. Die Sicherheitsvorkehrungen greifen.

Politisch und kulturell hält die Verunsicherung jedoch an. Das zeigen die Auseinandersetzungen um eine Moschee nahe Ground Zero in New York. Und um den Plan eines unbedeutenden Pastors in Florida, den Koran zu verbrennen. Ohne 9/11 wäre es schwer vorstellbar, dass sich daran nationaler – und sogar internationaler – Streit entzündet. Allein in New York gibt es über hundert Moscheen. Sowie tausende verteilt über die USA, ohne größere Kontroversen auszulösen. Für beide Debatten liefert 9/11 den Resonanzboden. In ihnen ist das Datum weiter lebendig und suchen sich die Emotionen ein Ventil. Neun Jahre sind vergangen. Der Angriff auf New York rutscht langsam in die Geschichte. Längst klafft dort kein tiefes Loch mehr im Boden. Die Architektur, die an die Stelle der Türme rückt, überragt die Bauzäune um das Areal. 9/11 wird zu einem Jahrestag, an dem man sich erinnert. Die gewaltigen Gefühle, die diese Erinnerung auslöst, lassen sich nicht so rasch verarbeiten.

Amerika ist gespalten – viele sagen: tiefer gespalten als vor 9/11. Das hatte man sich damals nicht vorstellen können. Seinerzeit hieß es, die Lagerbildung habe im Auszählungsstreit um die Wahl George W. Bushs 2000 den Höhepunkt erreicht. Der Heilungsprozess hatte begonnen, der Schock über den Terrorschlag schien ihn zu beschleunigen. Geeint zogen die USA in den Krieg in Afghanistan. Auch den Angriff auf den Irak 2003 befürwortete eine große Mehrheit. Die Stimmung, die Amerikas Außenpolitik nach 9/11 dirigierte, ist geschwunden. Die Kriege enden nicht mit klaren Siegen. Sie sind eine Last.

Doch weiter sehnen sich die Bürger nach nationaler Einheit und der Bestätigung ihres Wertesystems. Die Stimmung trug zu Barack Obamas hohem Sieg bei. Die Wahl des ersten schwarzen Präsidenten wurde als Überwindung der Rassenschranken gedeutet. Kurzzeitig genoss die Nation das Gefühl, ihre Seele wiedergefunden zu haben. Doch Obamas Wahl stiftete kein dauerhaftes Wir-Gefühl.

In Wahrheit ist nicht 9/11 der Grund für Amerikas innere Zerrissenheit. Und ebenso wenig das Verhältnis zum Islam. Der Jahrestag und die ungeklärte Frage, wie der Westen und die muslimische Welt miteinander umgehen, wirken nur als Katalysatoren für eine viel umfassendere Verunsicherung: Wie sieht die ökonomische Zukunft aus? Wie lässt sich die gewohnte soziale Stabilität sichern?

Das ist keine speziell amerikanische Herausforderung. Der Streit um Sarrazins Thesen ist die deutsche Variante, freilich mit einem Unterschied: In Deutschland bildet das Verhältnis zwischen indogener Mehrheit und der Minderheit muslimischer Einwanderer den Kern der Kontroverse. In den USA geht es nur am Rande um die Einwanderer islamischen Glaubens. Als Einwanderer empfinden sich dort alle – die Frage ist nur, in der wievielten Generation. Amerikas Muslime sind überdurchschnittlich gebildet und gut integriert. Die Sorgen betreffen das Verhalten der Muslime außerhalb der USA. Sind sie zur selben Toleranz gegenüber Amerikanern und Christen oder, generell: Menschen anderer Nationalität, Religion und Hautfarbe bereit, die westliche Demokratien Muslimen gewähren? Und: Amerika spricht sich einmütig gegen die Koranverbrennung aus. Wo sind die Imame in muslimischen Ländern, die genauso nachdrücklich Gewalt gegen Amerikaner verdammen?

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