Meinung : Nicht Ich-AG, nicht Kumpel-WG

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Von Stephan-Andreas Casdorff

Wenn das ein Zufall ist. In dieser Woche befasst sich das Europäische Patentamt mit dem Klonen von Menschen. Schöner, anders, besser – das ist doch dieser ewig junge Traum, und in verrückten Momenten wünscht sich mancher wahrscheinlich, es käme so. Jetzt ist so ein Moment: Wann bekommen wir wohl bessere Politiker, als wir sie haben?

Tröstlich ist da einerseits, dass sich der Mensch in der Evolutionsgeschichte behauptet hat, weil er ein anpassungsfähiges Wesen ist. Das gilt natürlich auch für Politiker. Andererseits: Das Prinzip des Marktes und Wettbewerbs ist zwar wirtschaftlich die beste Ordnung, allerdings hat die Ökonomisierung aller Lebensbereiche in Teilen zur Maßlosigkeit geführt. Auch bei Politikern.

Nicht wahr? Mehr haben, mehr sein – das ist ein überall ziemlich gegenwärtiger Anspruch. Und warum sollen ausgerechnet die Politiker davor gefeit sein, Volksvertreter, die sie doch sind. Wir alle, die Gesellschaft, nicht nur die Medien, haben uns schließlich Vertreter gewünscht, die moderner sind und dem Leben, wie es jetzt geworden ist, deutlicher zugewandt. Ein bisschen unternehmerischer, gewissermaßen. Die Veränderung, die ihnen abverlangt worden ist, war dem geschuldet: Nicht mehr knochentrockene Papierfresser sollten sie sein, sondern irgendwie leichter daherkommen, Typen wie in der Werbung, im Vip-Look, mit Street Flair. Dass sich Cem Özdemir in Anzeigen wie Lothar Matthäus präsentierte, wurde nicht als eine Spielform von Maßlosigkeit angesehen, sondern zu allseits akzeptierter Normalität. Sei der Zweck der Werbung auch besser.

Im Sport und in der Wirtschaft mag das klassische Citius, altius, fortius ja noch unumstritten berechtigt sein. In der Politik wird das Thema allerdings gerade wieder neu aufgeworfen: Was ist jetzt das richtige Maß? Bald schon inflationär sind die Berichte über neue Hemmungslosigkeit, mit Hunzinger als letztem Beispiel, und sogar über richtige schmutzige Korruption. Dazu noch der Versuch, die Immunität von Abgeordneten in Länderparlamenten auszuweiten – es wird zu viel, als dass das alles ohne Auswirkungen bleiben könnte. Also muss dringend über Grenzen und Maßstäbe neu nachgedacht werden.

Unsere Parlamentarier kommen alerter als früher daher – aber wirkt es nicht so, als nähmen sie die Dinge zu leicht? Vergessen sie über den neuen Celebrity-Status nicht, was ihres Amtes ist? Das klingt nach alter Mode, vielleicht ist es das auch. Aber das Amt des Abgeordneten als Volksvertreter ist zutiefst seriös. Dieses Bild hat gelitten in den letzten Wochen, und das kann zu zweierlei führen: wachsender Politikerverdrossenheit und sinkender Wahlbeteiligung. Mancher Experte rechnet mit wenig mehr als 60 Prozent.

Von vielen alten Begrenzungen hat sich die Gesellschaft in den letzten vier Jahren zu Recht befreit, hat politisch vermeintliche Zwänge und Tabus aufgehoben. Soviel Offenheit war lange nicht. Doch mit einem zum Prinzip erhobenen „anything goes“ kommen jetzt zunehmend weniger zurecht.

Was ist die Lösung? Ein Patent gibt es nicht. Aber der Bundestag könnte sich besinnen. Er könnte die Vorgänge aufnehmen, eine öffentliche Anlegenheit zu seiner machen und eine vorbildhafte Debatte ansetzen. Unter dem Titel: Wir über uns. Er könnte sich darin seiner selbst und seiner Aufgabe unter dem Eindruck der letzten Jahre vergewissern. Und das Ergebnis könnte im besten Falle sein: Der einzelne Abgeordnete wird keine Ich-AG, das Parlament keine Kumpel-WG.

Wirtschaftliche Kontakte sind in diesen Zeiten erwünscht und vonnöten, die Abgeordneten sollen sich von den Experten beraten lassen. Aber nicht beeinflussen oder verführen. Oder bezahlen. Hier Bewusstsein schaffen heißt Maßstäbe schaffen. Für den Rest gilt, was der Soziologe Karl-Otto Hondrich sagt: Die gesellschaftlichen Probleme bleiben auch dann bestehen, wenn es denn wirklich gelänge, den Menschen genetisch zu verbessern. Also können wir den Traum ruhig aufgeben.

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