Meinung : Nicht in jeder Verfassung

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Von Adam Krzeminski

WO IST GOTT?

Bis jetzt hat der liebe Gott uns Europäern keine in Stein gehauene Verfassung gegeben. Aber uns hat ja auch kein Moses vierzig Jahre lang aus der ägyptischen Gefangenschaft durch die Wüste ins Gelobte Land geführt. Und wem gebührt es, an den Hängen des Montblanc von IHM die Gebote für Europa entgegenzunehmen? Der Streit um die Verfassung geht viel tiefer als der um die Stimmengewichtung im Europäischen Rat oder um das Prinzip „ein Land – ein Kommissar“. Es geht um Grundwerte und um ihre geistige und intellektuelle Verankerung.

Polens Kritik an der Präambel betrifft gar nicht so sehr die fehlende Anrufung Gottes, sondern die eklatante Verzerrung der geistigen Fundamente, auf die Europa sich stützt. Und um eine arrogante Verzerrung der Geschichte. Am Anfang der Verfassung steht ein Zitat von Thukydides und die großspurige Behauptung, unser Kontinent sei „ein Träger der Zivilisation“, seine Bewohner hätten über Jahrhunderte die Werte des Humanismus entwickelt: Gleichheit der Menschen, Freiheit, Geltung der Vernunft. Diese französische Schreibweise trifft in Polen auf wenig Verständnis. Europa ist nach zwei Weltkriegen, den totalitären Erfahrungen des Hitlerismus und des Stalinismus, nach der Terrorherrschaft der Französischen Revolution und dem Grauen der Religionskriege auch ein Hort des Bösen – und hat andere Kontinente damit überzogen.

Die Herausstellung der Werte der Französischen Revolution kontaminiert den Humanismus mit deren Geist und ersetzt dabei sinnigerweise die Brüderlichkeit – also Solidarität – durch kalte Vernunft. Diese Überbewertung der französischen Aufklärung ruft in Polen Ärger hervor. Nicht die Trennung von Kirche und Staat stört, nicht die Betonung der Toleranz gegenüber den Andersdenkenden, sondern die beinahe dogmatische Verdrängung des Sacrum und des Religiösen aus dem öffentlichen Leben. In der ersten Fassung des Verfassungsentwurfes wurde jeder Hinweis auf die religiösen Traditionen Europas unterschlagen. In der letzten wurde die leicht variierte „Mazowiecki-Formel“ der polnischen Verfassung, die die Europäische Volkspartei unterstützt hatte, abgelehnt.

Dort heißt es, die Verfassung geben sich „alle Staatsbürger, sowohl diejenigen, die an Gott als die Quelle der Wahrheit, Gerechtigkeit, des Guten und des Schönen glauben, als auch diejenigen, die diesen Glauben nicht teilen, sondern diese universellen Werte aus anderen Quellen ableiten“.

Es muss nicht gleich der liebe Gott den Europäern ihre Verfassung diktieren, es genügt, wenn die Europäer sich des Guten und des Bösen in ihrer Geschichte bewusst sind und nicht allein der kalten Ratio vertrauen. Die Ostmitteleuropäer haben in ihrer Geschichte weniger die göttliche als die diabolische Seite des europäischen Wesens am eigenen Leibe erfahren. Daher kamen im Verfassungsstreit aus Polen weniger Stoßgebete als recht differenzierte Vorschläge für die Präambel. Unter anderem die des katholischen Publizisten Stefan Wilkanowicz: „Wir Europäer wollen …

im Bewusstsein des Reichtums unseres Erbes, das aus den Errungenschaften des Judaismus, des Christentums, des Islam, der griechischen Philosophie, des römischen Rechts und des Humanismus, der sowohl religiöse als auch nichtreligiöse Quellen hat, schöpft,

im Bewusstsein des Wertes der christlichen Zivilisation, welche die Hauptquelle unserer Identität ist,

im Bewusstsein der häufigen Fälle von Verrat, der an diesen Werten von Christen und Nichtchristen begangen wurde,

eingedenk des Guten und des Bösen, das wir den Bewohnern anderer Kontinente gebracht haben,

im Bedauern der Katastrophen, die durch totalitäre Systeme, die unserer Zivilisation entsprangen, verursacht wurden,

… unsere gemeinsame Zukunft bauen.“

Diesen Vorschlag überging der Konvent ebenso wie rund 18 000 E-Mails europäischer Bürger. Nicht der Herrgott muss in der Präambel auftauchen. Sondern das Bewusstsein der Transzendenz, des Guten und des Bösen, der Sünde und der Schuld, aber auch der Versöhnung und der Umkehr, die es den Europäern hoffentlich ermöglicht, aus dem wackligen Turm von Babel doch noch ein „gemeinsames Haus“ zu bauen. Die polnisch-französische Auseinandersetzung um Gott in der Präambel ist eigentlich eine Auseinandersetzung um die Betrachtung der europäischen Geschichte und die Lehren aus ihr.

Der Autor ist Deutschlandexperte der polnischen Wochenzeitung „Polityka“.

Der zweite Jahrgang der Gott-Kolumnen liegt nun als Buch vor: Wo ist ER jetzt? Weitere Antworten auf die Frage „Wo ist Gott?“, Evangelische Haupt-Bibelgesellschaft, Berlin 2003, ISBN 3-7461-0192-1

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