Meinung : Nicht nur denken

Köhler, Thierse und die Geschichte, über die wir reden sollten

Stephan-Andreas Casdorff

Wahrheit heilet den Schmerz, den sie vielleicht uns erregt.

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Vielleicht.

Vor der Heilung steht die Wahrheit: „Es gibt keinen Schlussstrich.“ Sagte Horst Köhler, der Bundespräsident. Ja, das muss man nicht nur denken, das muss man auch sagen.

Köhlers Ton im Bundestag, dem Präsidenten des demokratisch gewordenen Deutschland angemessen: ein Ton der Zivilität. Geschichten, die er mehr erzählte als nur darüber zu reden; die sich aber zu dem Teil unserer Geschichte verdichteten, die keiner leugnen soll. Lindernd zu wissen, zu hören, zu sehen, dass sie im Bundestag lebendig wurde. Und wie.

Die Millionen Opfer deutscher Ausrottungsfeldzüge haben Gesichter. Die Täter auch. Noch sind sie zu sehen. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse erinnerte an Sempruns Sätze, daran, dass bald niemand mehr sagen kann: Ja, so war es, ich war dabei. Geschichte lebt auch davon, dass sie weiter erzählt wird.

Und gut, dass Thierse, aus dem Osten der Republik stammend, sich an die in der DDR verordnete Tabuisierung der Bombenopfer in Deutschland erinnerte. Denn wahr ist, dass jetzt, 60 Jahre danach, häufiger als früher auch von den eigenen deutschen Opfern die Rede ist. Wahr ist außerdem, dass sie zur vollständigen Erinnerung in Ost und West gehört. Aber eben nicht zur Aufrechnung von Schuld missbraucht werden darf. Auch das darf man nicht nur denken.

Dass im Parlament von denen, die das in sechs Jahrzehnten demokratisch bewährte Deutschland, die „Bundesrepublik“, repräsentierten, das Richtige gesagt wurde, war wichtig. Diese Form – das offizielle, das Grundsätzliche statuierende – ist unverzichtbarer Teil der kollektiven Identitätsstiftung. Doch besonders wichtig, weil auf der Straße sichtbar, weithin, geradezu weltweit, war die Versammlung der Bürger am Brandenburger Tor.

Hier, wo früher Truppen paradierten, wo tausende Knobelbecher aufs Pflaster knallten, zeigte ein Fest den kostbarsten Sieg der Demokraten: die Zivilität. Das war ein lebendiger Eindruck – von einer Mehrheit. Sie lindert den Schmerz der Wahrheit, dass es auch im Deutschland von heute Rechtsradikale gibt. Die von einem Recht der Demokratie Gebrauch machen, dem der Demonstrationsfreiheit. Aber es ist, wie der Präsident des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, sagte: Die Mehrheit zeigt, „wir wollen keine Rechtsradikalen, sondern wir wollen die Freiheit“.

Ist es, wie Köhler meint? Er findet, dass sich die Bundesrepublik auf ihre Jugend verlassen kann. Dass sie zur Freiheit begabt und Deutschland eine stabile Demokratie ist und unser Land vielgestaltiger und weltoffener als jemals zuvor. Dass wir uns als Nation wiedergefunden haben, in Einigkeit und Recht und Freiheit.

Vielleicht.

Die NPD hat ihren Zug Richtung Mahnmal für die Opfer des Holocaust abgesagt. Nach Aufforderung durch die Polizei. Wegen erwarteter Zusammenstöße mit Gegendemonstranten.

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Man ist ebensogut Zeitbürger, als man Staatsbürger ist.

Schiller hat Recht.

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