Meinung : Nicht ohne Legenden

Mit Havels Besuch in Berlin geht eine Ära zu Ende

Hermann Rudolph

Auftritt einer Legende? Das ist als Urteil über den Besuch des scheidenden tschechischen Staatspräsidenten Vaclav Havel einerseits wahr und andererseits zu wenig. Da kam in der Tat kein Staatsmann zu Besuch, der auf die Politik seines Landes noch viel Einfluss nehmen kann. Es kam die historische Gestalt, das Exempel einer politischen Existenz, die man so nicht wieder sehen wird: der Dichter auf dem (Präsidenten-)Thron, die von ihm praktizierte Verbindung von Moral und Macht, der letzte Repräsentant des europäischen Umbruchs.

Havel, das Sinnbild der samtenen Revolution in Prag, die Timothy Garton Ash, der Historiker des europäischen Wende, die „wunderbarste all der mitteleuropäischen Revolutionen von 1989“ genannt hat, steht wie kaum ein anderer für eine Zeit, in der die Träumer die eigentlichen Realisten waren. Angesichts des gegenwärtigen Zustands der deutsch-tschechischen Beziehungen wie überhaupt der Entwicklung in Osteuropa legt sein Besuch die Frage nahe, ob die Realisten, die inzwischen das Heft in die Hand genommen haben, nicht doch auch Träume brauchen, um die Probleme zu lösen, mit denen wir es heute zu tun haben.

Die Bilanz der deutsch-tschechischen Beziehungen, zu der Havels Besuch einlädt, ist ja durchaus gemischt. Unbestreitbar ist, dass Deutsche und Tschechen in den 13 Jahren, in denen er dieses Amt begleitete, ein gutes Stück aus den Verwerfungen herausgefunden haben, die ein Erbe ihrer Vergangenheit sind – und dass Havel für beide Seiten der Bürge dieses Wandels war. Es ist aber auch richtig, dass Havels Wille zur Aussöhnung zunehmend in Emotionen und widerstrebenden Positionen hängen blieb. Die Debatten um die Relevanz und Wertigkeit der Benes-Dekrete bildeten den Kern der Verknotungen, die das deutsch-tschechische Verhältnis hinderte, sich von den Belastungen der Vergangenheit zu befreien – und damit daran, rascher und wirksamer die Höhe der europäischen Anforderungen von heute zu erreichen. Aus dem Streit um Rechtspositionen und mit Rechthaberei lässt sich solcher Fortschritt nicht gewinnen. Es braucht dafür die Vergegenwärtigung der europäischen Perspektive, die aus dem Umbruch des Herbstes 1989 geboren wurde und die Havel verkörperte.

An dieser Perspektive festzuhalten, mithin die Politik mit Versöhnungsbereitschaft, gelebter Zivilität und der Erinnerung an einen großen Augenblick der europäischen Geschichte zu versetzen, das hat den 13 Jahren von Havels Präsidentschaft das Profil gegeben. Das hat dem politischen Prozess eine Ahnung davon eingeflößt, was Mitteleuropa sein kann, jenseits aller der Konflikte und Ansprüche und Ideologien, die dieses Thema im Laufe der Zeiten besetzt haben. Es hat Deutschen und Tschechen, Deutschland und Tschechien, der großen Macht und dem kleinen Land in der Mitte Europas eine Chance eröffnet, die sie so nie vorher hatten. Auch deshalb ist der Umstand, dass Havels letzte Auslandsreise als Staatsoberhaupt nach Deutschland führte – so wie auch seine erste Reise am Anfang seiner Amtszeit – mehr als eine schöne, gut platzierte Geste. Es ist so etwas wie ein Vermächtnis.

„Vergangenheit ist keine Option. Vergangenheit ist stets das Opium ,verspäteter Nationen’, die auf diese Art und Weise ihre Verspätung zementieren“, hat einmal Jiri Grusa, der kluge frühere Botschafter Prags in der Bundesrepublik, gesagt. Er hatte, versteht sich, das Verhältnis von Deutschen und Tschechen im Auge – beides verspätete Nationen, in unterschiedlicher Weise. An Havel kann man lernen, dass es Legenden braucht, wenn sich Politik und Gesellschaft von der Fatalität solcher kollektiver Mechanismen frei machen sollen. Nur dann sind sie zur Normalität demokratischer und rationaler Politik fähig – Normalität, die kein Zustand ist, den man auf der Straße auflesen kann, sondern die immer wieder der Neigung zum Rückfall in Egoismus und Ressentiment abgewonnen werden muss.

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