Meinung : Nicht zu fassen

Zu viele Schuldige: Der Abschlussbericht zum Berliner Bankenskandal

Lorenz Maroldt

Das Schöne an dieser Geschichte ist, dass sie so vielschichtig ironisch ausklingt. Sie lässt sich erzählen auf 900 Seiten, so umfangreich ist der Untersuchungsbericht des Parlaments, und ist doch eigentlich gar nicht zu fassen. Das Bild, das sich über die Jahre abgezeichnet hat und jetzt letzte Striche bekommt, zeigt weniger eine verantwortungsbewusste Gesellschaft von Politikern, Bankern, Unternehmern und Wirtschaftsprüfern, in deren Reihen dem einen oder anderen leider mal ein dummes Malheur passiert ist. Vielmehr drängt sich der Eindruck auf, die ganze Gesellschaft der Genannten war das Malheur: außer Rand und Band, anmaßend, leichtfertig, vertrauensselig, unkontrolliert, selbstorientiert.

Ja, eine Ironie der Geschichte ist das: Die Bankgesellschaft, die ihren stigmatisierten Namen bald ablegen wird, war das Symbol für den finanziellen Ruin Berlins. Heute macht sie prima Gewinne, sogar noch für das Land, das sie verkaufen muss wegen einer Vorgabe der EU und auch dafür satt einstreichen wird. Mit etwas Glück kommt das Land unterm Strich mit plusminusnull oder sogar noch ein wenig besser aus der Affäre heraus.

Gegründet hatten die Glücksritter der großen Koalition die Bankgesellschaft unter anderem, um die Berliner Bank durch einen Zusammenschluss mit der Landesbank, der Wohnungsbau-Kreditanstalt und der Berlin Hyp aus einer finanziellen Bredouille zu retten. Jetzt ist die Berliner Bank, ausgerechnet, als Erste wieder auf dem Markt, aufgehübscht, mit einem schönen Ergebnis in den Büchern und deshalb sehr interessant sogar für die große Deutsche Bank. Gegründet wurde die Bankgesellschaft aber auch, weil es die damalige Berliner Politik für absolut ihrer Größe angemessen hielt, selbst am Riesenrad zu drehen. Dabei verwechselten sie offensichtlich die Möglichkeiten einer Bank mit denen einer Banknotendruckerei.

Ironisch auch, dass die lange Zeit von den anderen Parteien in Berlin geradezu geächtete PDS vor allem deshalb seit Jahren in der einstigen Mauerstadt mitregiert, weil der Sozialistenfresser Klaus Landowsky in seiner Doppelfunktion als Spenden einnehmender CDU-Fraktionsvorsitzender und Kredite vergebender Banker die meisten moralischen Restbestände im Sumpf der Stadt ertränkte. Ausdruck dessen war das Bonmot des Wahlkämpfers Gysi, die Stadt sei doch jetzt dermaßen und in jeder Hinsicht pleite, dass man sie ja auch gleich ihm überlassen könne.

Eher in die Kategorie Treppenwitz gehört dagegen, dass ausgerechnet die staatsbesitzorientierte PDS dann mitgeholfen hat, das noch vorhandene geldwerte Erbe der Landowskys verkaufsrauschartig abzustoßen. So wurde das Private politisch, das Politische privat, und CDU-Spitzenkandidat Friedbert Pflüger sucht deshalb heute in all der daraus erfolgten Verwirrung verzweifelt Weideland für seine kleinlaut gewordene Herde, die sich doch einst im Phantasialand wähnte.

Schließlich auch das noch: Die Bürgerinitiative Bankenskandal kann sich in ihrem gerechten Zorn bestätigt sehen. Es war alles schlimm, ganz schlimm. Doch die Schuldigen sind einfach nicht zu fassen. Es waren eben zu viele.

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