Meinung : Nie mehr billig

Wer zu lange wartet: Der Energiehunger der Welt treibt den Ölpreis dauerhaft in die Höhe

Henrik Mortsiefer

Öl ist nicht nur ein Rohstoff. Öl ist ein Symbol. Unser Wohlstand hängt von ihm ab und das Wachstum unserer Wirtschaft. Ohne Öl wären wir nicht mehr mobil, ohne Öl würden morgen die Lichter ausgehen. Dann würde wieder das Autofahren verboten und wir müssten mit Pferdekutschen und Fahrrädern auf Autobahnen unterwegs sein. Wie damals in den 70er Jahren, als der Treibstoff ausging und die Weltwirtschaft trocken fuhr.

Es sind diese Gedächtnisbilder, vor denen alle Angst haben, wenn sie jetzt jeden Tag hören, dass ein Fass Öl schon wieder teurer geworden ist. Von Lieferengpässen ist die Rede, von letzten Reserven und von Terroristen, die es auf die Pipelines abgesehen haben. An den Terminmärkten treiben die Spekulanten die Preise nach oben, und in Russland droht dem größten Ölkonzern Jukos die Pleite.

Da werden selbst die Experten langsam nervös, weil jeder Dollar mehr auf der nach oben offenen Preisskala ihre ohnehin bescheidenen Wachstumsprognosen in Frage stellt. Anfang des Jahres galten 30 Dollar pro Ölfass als Schmerzgrenze, nun sind 40 Dollar schon überschritten. Was passiert, wenn es 50 Dollar werden?

Ein Rechenbeispiel: Jeder Dollar mehr für ein Barrel (159 Liter) Rohöl kostet die Ölverbraucher der Welt 80 Milliarden Dollar am Tag. Ein dauerhafter Anstieg um zehn Dollar frisst in den Industrieländern deshalb im Schnitt 0,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, also der Wirtschaftsleistung. Und da es in Zukunft immer mehr Industrieländer auf dem Erdball geben wird – zum Beispiel auch China oder Indien – steigt der globale Öldurst weiter an. Im Jahr 2030 wird er um die Hälfte höher sein als heute. Schon jetzt wird jeden Tag zusätzlich so viel Öl nachgefragt wie Ende der 80er Jahre. Allein China schluckt 2004 ein Drittel von diesem Mehrbedarf. Die Opec will auch deshalb den Ölhahn noch einmal aufdrehen und ihre, wie sie sagt, eiserne Reserve anbrechen. Danach ist vorerst Schluss.

Beunruhigend? Ja, denn die heutigen Förder- und Transportkapazitäten reichen nicht aus, um die unaufhaltsam steigende Nachfrage zu decken. Es gibt genug Öl in der Erde, aber es fehlen (noch) die Anlagen, um es herauszuholen. Daran sind vor allem die Förderländer und Ölkonzerne schuld, die in Zeiten niedriger Ölpreise nicht in neue Technik investiert, sondern bequem am steigenden Ölpreis verdient haben. Und das, obwohl die Suche und Erschließung neuer Ölvorkommen für umgerechnet vier bis fünf Dollar je Barrel möglich sind. Ausbaden müssen das nun Verbraucher und Unternehmen, die mehr Geld für Sprit und Energie ausgeben und weniger für Konsum und Investitionen übrig haben.

Doch wir würden es uns zu einfach machen, wenn wir nur über die bösen Scheichs und einen Dieselpreis von einem Euro pro Liter schimpfen würden. Denn der Ölpreisanstieg könnte uns eine Lehre sein. Nicht nur an der Tankstelle wird uns nämlich jetzt vor Augen geführt, dass der alltägliche Lebenskomfort, an den wir uns gewöhnt haben, einen Preis hat.

Mobilität – sei es auf dem Weg zur Arbeit oder in den Urlaub – ist teurer geworden. Da hilft es uns auch nicht, dass Öl nach Abzug der Inflation eigentlich nur halb so viel kostet wie 1980. Es bleibt dabei: Wirklich billig wird Benzin nie mehr sein. Darauf müssen wir Autofahrer und Billigflieger uns einstellen. Besser: Wir müssen uns umstellen.

Die Aufmerksamkeit, die das Thema Öl weltweit erregt, zeigt auch: Globalisierung ist keine Theorie. Die Vernetzung der Wirtschaftsräume, die prekäre Abhängigkeit von Förder- und Nehmerländern, von Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsregionen wird greifbarer, verständlicher. Wenn es im Nahen Osten, wo ein Drittel allen Öls gefördert wird, brennt, wenn der Irak nicht zur Ruhe kommt, wenn die russische Justiz vor der Korruption kapituliert - wir können die Folgen bald im eigenen Geldbeutel spüren.

Nicht zuletzt wird das Thema Öl innenpolitische Wellen schlagen, spätestens nach der Sommerpause. Denn die Notwendigkeit, erneuerbare Energiequellen schneller wettbewerbsfähig zu machen, um die Abhängigkeit vom Öl zu verringern, liegt auf der Hand. Brauchen wir also noch mehr Windräder? War der Atomausstieg ein Fehler? Muss die Mineralölsteuer runter? Wohin sich der Ölpreis in den kommenden Wochen auch entwickelt – die Energiedebatte ist eröffnet. Mit garantiert hoher Symbolkraft.

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