Nigeria : Flecken auf dem Fell

Nigeria hat einen neuen Präsidenten - das Land steht trotzdem vor dem Zerfall.

Wolfgang Drechsler

Mit ihren vielen Krisen und Kriegen ähnelt die Landkarte Afrikas einem gefleckten Leopardenfell. Immer öfter bedrohen diese Konflikte dabei den Zusammenhalt der einst von den Kolonialherren geschaffenen Nationalstaaten. Einige werden wie Nigeria derzeit noch mit Mühe zusammengehalten, andere sind wie Somalia längst kollabiert.

Umso wichtiger war der Ablauf der Präsidentschaftswahl in Nigeria – der mit Abstand wichtigsten in Afrika in diesem Jahr. Denn viel hing von ihrem Ausgang ab: der erst zaghaft angelaufene Kampf gegen die tief verwurzelte Korruption, aber auch die Stabilität eines Landes mit fast 140 Millionen Menschen. Am Ende kam es so, wie viele befürchtet hatten: Wie fast alle bisherigen Abstimmungen seit der Unabhängigkeit des Landes vor fast 50 Jahren war auch die Präsidentschaftswahl von massiven Unregelmäßigkeiten, Gewalttaten und Betrugsvorwürfen überschattet. Dass in letzter Minute Wahlzettel neu gedruckt werden mussten, führte dazu, dass der Urnengang in den meisten Teilen des Landes um Stunden verspätet oder überhaupt nicht begann. Die Wahlkommission hat zwar Umaru Yar’Adua zum Sieger erklärt, doch die Opposition erkennt die Wahl nicht an und fordert eine Wiederholung.

Ein weitgehend reibungsloser Übergang in Afrikas zweitgrößter Volkswirtschaft hätte viel dazu beitragen können, dass der Kontinent endlich seine lange Abwärtsspirale durchbricht. Doch der chaotische Wahlverlauf ist ein deutliches Indiz dafür, dass Nigeria in den kommenden Monaten heftige politische Turbulenzen bevorstehen – und dass sich der hoffnungsvoll erwartete erste Machttransfer von einer Zivilregierung zur nächsten schwierig gestalten wird.

Die Wahl hat zudem die Spannung zwischen Christen und Muslimen in Nigeria eskalieren lassen. Daran dürfte auch wenig ändern, dass der christliche Präsident Olusegun Obasanjo vermutlich nun durch den Mann seiner Wahl, den Muslim Umaru Yar’Adua, ersetzt wird. Vor allem im Norden des Landes haben sich Christen und Muslime zuletzt blutige Schlachten geliefert. Seit Einführung der Scharia in zwölf Bundesstaaten vor einigen Jahren ist es dort immer wieder zu pogromartigen Auseinandersetzungen gekommen.

Was wie ein Krieg der Religionen anmutet, ist in Wirklichkeit Ausdruck eines graduellen Zusammenbruchs im Vielvölkerstaat Nigeria. Das bevölkerungsreichste Land Afrikas hat zwar seit acht Jahren eine gewählte Regierung, aber keine staatlichen Institutionen, die die Konflikte seiner mehr als 300 Volksgruppen kanalisieren und entschärfen würden. In ihrer Not suchen die Menschen deshalb immer häufiger Zuflucht in der Religion.

Bedrohlich ist auch die Lage im ölreichen Nigerdelta, wo sich die Sicherheitslage zunehmend verschärft. Die immer neuen und dreisteren Angriffe deuten darauf hin, dass in dem seit Jahren unruhigen Delta inzwischen unkontrollierbare Zustände herrschen. Immer deutlicher wird auch, dass der nigerianische Staat trotz seiner immensen Öleinnahmen nicht den Willen hat, den Rebellen im Delta das Handwerk zu legen.

Es ist kein ermutigendes Zeichen, dass die Wahlen in Nigeria eher zur weiteren Eskalation beigetragen haben als zur Beruhigung der politischen Lage im Land.

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