Nigeria und der Terror : Zerfall und Aufschwung

Nigeria ist ein Musterbeispiel dafür, wie eng in Afrika der Zerfall eines Staates und der vermeintliche Aufschwung zusammenliegen

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Mütter die verzweifelt auf ihre Kinder warten. In Chibok im Staat Borno sind vor gut einem Monat mehr als 200 Schülerinnen von der Boko Haram verschleppt worden. Von ihnen fehlt bislang jede Spur.
Mütter die verzweifelt auf ihre Kinder warten. In Chibok im Staat Borno sind vor gut einem Monat mehr als 200 Schülerinnen von der...Foto: AFP

In keinem anderen Land Afrikas klaffen Anspruch und Realität derart weit auseinander wie in Nigeria, dem mit 175 Millionen Menschen bevölkerungsreichsten Staat des Kontinents. Mit Vorliebe greifen seine Politiker zu Superlativen, um die vermeintlichen Erfolge des Landes in buntesten Farben zu malen. Erst kürzlich wurde dort die Meldung gefeiert, Nigeria sei durch eine Neuberechnung seines Sozialprodukts plötzlich zur stärksten Wirtschaftsmacht von ganz Afrika aufgestiegen. Dass die Zahlen keine Bedeutung für die mehr als 100 Millionen Menschen haben, die unterhalb der Armutsgrenze leben, blieb wie üblich unerwähnt.

Unerwähnt und unerkannt blieb lange Zeit auch, dass Nigeria seit längerem dabei ist, Somalia als gewalttätigstes Land des Kontinents abzulösen. Rund 2000 Menschen sind in dem Ölstaat seit Jahresbeginn der von der Terrorsekte Boko Haram ausgeübten Gewalt zum Opfer gefallen. Doch erst die Entführung von fast 300 Schulmädchen und die völlige Gleichgültigkeit von Armee und Regierung hinsichtlich der Suche nach ihnen hat die Aufmerksamkeit der Welt auf Nigeria gelenkt.

Die Entführung ist der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die vor fünf Jahren begann und dazu geführt hat, dass zumindest Teile des muslimischen Nordens des Landes der Kontrolle der Zentralregierung entglitten sind. Daran hat weder der dort verhängte Ausnahmezustand noch die jüngste Militäroffensive gegen die Islamisten irgendetwas verändert. Im Gegenteil: Obwohl inzwischen fast ein Fünftel des gesamten nigerianischen Staatshaushalts in den Sicherheitssektor fließt, ist die Lage eskaliert.

Die nigerianische Krise
Nach dem Angriff. Das Hauptquartier der Polizei in der nordnigerianischen Millionenstadt Kano ist weitgehend zerstört. Am 20. Januar griffen Anhänger der Islamistensekte Boko Haram 30 Polizeistationen gleichzeitig an. Dabei starben rund 200 Menschen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 17Foto: Reuters
27.01.2012 18:29Nach dem Angriff. Das Hauptquartier der Polizei in der nordnigerianischen Millionenstadt Kano ist weitgehend zerstört. Am 20....

Die Gründe dafür vermuten Experten vor allem darin, dass sich Generäle, Geschäftsleute und Gouverneure massiv an den eigentlich für die Terrorbekämpfung bestimmten Geldern bereichern. Während die Militärs nach außen hin Boko Haram bekämpfen, ermuntern sie die Islamisten angeblich im Verborgenen zu immer neuer Gewalt, damit noch mehr Geld in den Sicherheitssektor fließt. Die Rede ist zudem von geheimen Waffenlieferungen. Anders ist auch nicht zu erklären, wie die Sekte in den Besitz modernsten Kriegsgeräts kommen konnte. Sollte dies stimmen, wäre es nur ein weiteres Indiz dafür, dass die Korruption tief in der Gesellschaft verankert ist.

Präsident Goodluck Jonathan hat die Entführung der Schülerinnen als Wendepunkt im Kampf gegen den Terror bezeichnet, weil die Welt nun das Ausmaß des Terrors erkannt habe und aktiv helfe. Doch er könnte sich täuschen: Drastischer als je zuvor hat das Geiseldrama der Bevölkerung nämlich vor allem die Unfähigkeit, Apathie und Gier der eigenen Elite vor Augen gehalten – und landesweit zu wütenden Protesten gegen die Volksvertreter geführt.

Nigeria ist ein Musterbeispiel dafür, wie eng in Afrika der Zerfall eines Staates und der vermeintliche Aufschwung zusammenliegen. Diese Kluft zu schließen, ist die dringendste Aufgabe des Kontinents. Allerdings ist es derzeit schwer vorstellbar, wie Länder ohne staatliche Institutionen und ohne industrielle Vielfalt jenseits eines einzelnen Rohstoffes, aber mit einer gleichzeitig massiv steigenden Bevölkerung, auf absehbare Zeit zu halbwegs stabilen Demokratien reifen können.

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