Meinung : NMD: Absurd, aber erfolgreich

Robert von Rimscha

Gerhard Schröder will uns den US-Raketenschirm NMD mit dem Argument verkaufen, es gehe dabei um Wissenschaft und Wirtschaft. Auf die Frage, ob NMD Arbeitsplätze bringe, antwortet Schröder: "Ja." Die Deutschen dürften "bei der Kenntnis dieser Technologie nicht außen vor" bleiben.

Schröder könnte auch argumentieren, NMD stärke die Defensiv-Kraft der Nato so sehr, dass dann überflüssige ostdeutsche Truppenübungsplätze in Freizeitparks überführt werden können und das Probeschießen mit Uran-Munition sich erledigt. Inhaltlich sind an des Kanzlers Worten mehr als nur Bedenken angemessen. Technologietransfer - ausgerechnet aus dem hermetischen Pentagon? Ausgerechnet im hochsensiblen Rüstungsbereich, wo die USA ihr Wissen eifersüchtig hüten?

Doch Schröders Kalkül ist ein anderes. Und es geht auf. Man sieht es an den Reaktionen. Die Opposition klatscht. Schröder zwingt sie, bemüht darauf hinzuweisen, Deutschland dürfe nicht den Zahlmeister für die NMD-Forschung spielen, sondern müsse Garantien für die tatsächliche Bereitschaft zum Wissenstransfer verlangen.

Was also tut der Kanzler? Er erweist sich erneut als Meister, wenn es um das Aufmischen von Debattenlagen geht. Da reden sich die Sicherheitspolitiker seit Jahren die Köpfe heiß, und dann tritt ein Kanzler auf, der jenseits aller weltpolitischen Bedrohungsszenarien, außerhalb von Militärstrategie und unterhalb von Wettrüstungs-Ängsten argumentiert. Der Hyper-Pragmatiker mit populistischem Gespür schlägt wieder zu. Derselbe Kanzler, der die Currywurst lobt, Holzmann rettet und gegen britische Übernahmen deutscher Traditionsunternehmen wettert, der probiert jetzt, ob sich ein unhandliches und angsteinflößendes Rüstungsprojekt nicht als Maßnahme für den Bildungsstandort Deutschland verkaufen lässt.

Dass es sich um einen Versuchsballon handelt, signalisiert das Umfeld. Der Regierungssprecher streitet jeden Kurswechsel ab, und die betroffenen Ressorts, die Hardthöhe und das Auswärtige Amt, deuten vorsichtig an, der Kanzler habe eben von seinem Recht Gebrauch gemacht, einen breiteren Blick auf die Dinge zu werfen. Einen gesamtgesellschaftlichen. Einen umarmenden.

Schröder führt erneut sein bestes Kunststück vor. Aus festgefahrenen Frontstellungen bricht man aus, indem man unkonventionelle Gedanken präsentiert. Ob die nun stichhaltig sind oder absurd, ist fast schon zweitrangig. NMD, das umstrittene Raketenabwehrsystem, der Forschung und Technologie zuliebe - das ist nahezu absurd.

Doch das Aufbrechen starrer Fronten, das ist Schröder erneut gelungen. Er erweist sich so einmal mehr als der Herr über die Diskussionslagen. Wer wollte schon ernsthaft gegen NMD sein, wenn es deutsche Arbeitsplätze sichert? Und als Kollateralgewinn bessere Teflonpfannen oder leistungsstärkere Laserstrahlen für den CD-Spieler abwirft? NMD mutiert so zur Chiffre für Bildung und Wohlstand. Wer nein sagt zur Raketenabwehr wird so flugs zum letzten Fortschritts-Gegner.

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