Meinung : Noch eine Chance für die Liberalen

Von Stephan-Andreas Casdorff

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Die Wahlsieger verhandeln nicht, die sitzen irgendwo im Hintergrund, vor allem die Liberalen. Die müssen warten, auf eine neue Chance hoffen. Denn je länger es dauert, bis die beiden großen Wahlverlierer eine große Koalition mit kleinen Inhalten geschlossen haben, desto größer wird der Unmut bei den Wählern und auch der Druck, dass es zu einer handlungsfähigen Koalition für Deutschland kommt. Es muss doch wieder regiert (und bald schon wieder in den Ländern gewählt) werden.

Dresden I war schon ein Hinweis. Die FDP hat gewonnen, sie nähert sich ihrem Projekt 18. Dafür kann sie der Union danken, die sich noch quälen wird mit einer Selbstdefinition, nach dem Desaster, das ihr Endergebnis in Wirklichkeit war. Die SPD ist auch nicht besser, so dass sich auf der anderen Seite die Grünen freuen; sie werden, wenn das so weitergeht, wieder die Sammlungsbewegung der Unzufriedenen, die sie mal waren. So werden die Kleinen groß. Die jüngste Umfrage zeigt es auch. Und mit der Zeit werden FDP und Grüne vielleicht so souverän, dass sie miteinander koalieren können.

Mit der Zeit heißt aber möglicherweise schneller als bisher angenommen. Denn der Druck würde, wenn die Großen sich nicht einigen können, auf die Kleinen stärker werden, besonders auf deren Stärkste, die FDP. Es ist noch sehr die Frage, ob die sich wirklich in einer Lage, in der nichts anderes übrig bleibt, einer Ampelkoalition verschließen könnte. Einer ohne Schröder, das ja, aber mit einem Sozialdemokraten an der Spitze. Die Freidemokraten müssten dann das ökonomische Gewissen, die Stimme der Wirtschaft sein; und sie wären, keine Frage, unüberhörbar.

Außerdem, was können die Brüderles, die Gerhardts jetzt noch hoffen? Unter einer großen Koalition rückt für beide ein Regierungsamt in weite Ferne. Beide sind aber zugleich diejenigen, die der FDP Gewicht und Seriosität und Stimmen verschafft haben. Also: Spannung ist garantiert, in der Partei, für die Partei. Noch eine Chance für die Liberalen – wie schade, dass ihr legendärer Generalsekretär Karl-Hermann Flach das nicht mehr erleben kann.

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