Meinung : Noch lebt das Kombinat

Von Alfons Frese

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In Wolfsburg dauern die Wirtschaftswunderjahre länger. Dort profitieren die VWMitarbeiter noch immer von den 50er und 60er Jahren, als der VW-Käfer eine Monopolstellung auf dem Markt hatte und Volkswagen Arbeitskräfte mit hohen Löhnen in die niedersächsische Provinz locken konnte. Heute kann das Unternehmen diese Löhne nur noch zahlen, weil an anderen Standorten ordentlich Geld verdient wird: im sächsischen Mosel etwa, in Bayern, Tschechien und in der Slowakei. Aber nicht im Wolfsburger Stammwerk, wo die Arbeiter ein Fünftel mehr verdienen als anderswo. Das wird zwar noch ein Weile so weitergehen, doch die Zahl der Privilegierten schrumpft. Wie jetzt durch die Entscheidung für den kleinen Geländewagen „Marrakesch“: Das Auto kann mit Gewinn nur bei der VW-Tochter Auto 5000 GmbH gebaut werden – wo es weniger Geld und gegebenenfalls längere Arbeitszeiten gibt, und wo der Minivan Touran mit Rendite gebaut wird. Vom Golf, der in den Hallen daneben entsteht, lässt sich das leider nicht sagen.

Dabei ist die Unwirtschaftlichkeit des Kombinats Wolfsburg nicht allein in den Arbeitskosten begründet. Eine der größten Autofabriken der Welt lässt sich kaum effizient organisieren. Den bürokratischen Dschungel hat Wolfgang Bernhard etwas gelichtet, indem er die Vielzahl unterschiedlicher Abteilungen zur Zusammenarbeit nötigte und dadurch Einsparungen von 2000 Euro je Marrakesch erreichte. Anders gesagt: Durch besseres Management wurde beim Marrakesch zweieinhalb Mal so viel gespart wie durch Einbußen bei den Beschäftigten. Aber was heißt schon Einbußen. Die Azubis, die in den nächsten zwei Jahren ihre Lehre im Stammwerk beenden, wechseln dann zur Auto 5000 GmbH, um dort den Marrakesch zu bauen. Auf Anlagen, die es schon gibt, und für die also keine weiteren Kapitalkosten entstehen, und zu einem Gehalt von 2556 Euro. Das ist nicht schlecht, liegt aber ein paar hundert Euro unter dem Lohn der Kollegen aus der Golf-Fertigung. Wieder einmal hat die IG Metall den Besitzstand der Alten gesichert. Aber die Alten sterben aus, und mit jeder weiteren Modellentscheidung beschleunigt sich das.

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